der lemming
Der Lemming - Voodoo am Strand
(c) 2005 gnoebel
"Diese Weite. Diese unendliche Weite."
"Komm, wir müssen."
"Siehst du denn diese Weite nicht? Diese unendliche..."
"Ich sehs ja. Können wir?"
"Der Horizont ist so unendlich weit weg, weißt du. Dort hinten, wo die Wellen des Meeres den Himmel sanft berühren. Es ist alles so... groß. Und wir sind so klein."
"Ja, wir sind klein, ich weiß. Aber jetzt..."
"Ach, Lemming, du verstehst mich einfach nicht!"

Der Lemming, das war ich. Natürlich ein Spitzname. Nach diesen putzigen Nagetieren, die sich der Legende nach in viel zu tiefe Abgründe stürzen und jämmerlich auf dem Weg nach unten verhungern. Wenn ich irgendwann mal in solch einen Abgrund springen sollte, dann wird auf dem Boden wahrscheinlich ein Trampolin stehen. Keine Ahnung, wie oft ich in der Vergangenheit schon versucht hatte, meinem Leben ein Ende zu setzen, aber irgendwas war immer dazwischen gekommen.
Entweder war das Seil zu lang gewesen oder ich zu schwer. Als ich einmal den Fön in die Badewanne geworfen hab, fiel einen Moment vorher im ganzen Block der Strom aus. Pistole im Mund? Klar, hab ich auch probiert. Dreimal. Zweimal Ladehemmung, einmal Krampf im Zeigefinger. Rattengift wird übrigens hervorragend von Bier und meiner Magensäure neutralisiert. Hatte ich damals nicht gewusst. Jedes Mal, wenn ich mich vor ein Auto werfen will, bekommt die Karre im letzten Moment plötzlich einen Platten. Oder irgendwo springt ne Ampel auf rot. Oder irgendein dämlicher Held rettet mich. Ich hasse Helden.

"Beweg deinen Arsch! Wir müssen weiter."
"Du denkst wohl, nur weil du diesen Ruf hast, kannst du mich hier so rumkommandieren."
"Ja. Ja, genau das denke ich. Komm jetzt, gehen wir." Paul erhob sich widerwillig von seinem Stein und folgte mir durch den Sand. Obwohl die Sonne gerade erst dabei war, mit dem üblichen Tamtam aufzugehen, war es bereits angenehm warm. Nicht ungewöhnlich für diesen Strand.
"Schau doch mal, die Farben. Ist das nicht wundervoll?"
"Ja, ganz toll."
"Du guckst ja gar nicht hin!" Recht hatte er. Ich sah nicht hin. Wozu auch? In meinem Leben hatte ich mehr Sonnenaufgänge gesehen, als ich hätte zählen können. Selbst wenn ich gewollt hätte. Ich habe sie gesehen, in allen Variationen. Den ersten vor... ich weiß es nicht mehr, aber ein paar hundert Jahre war es bestimmt her. Unsterblichkeit führt irgendwann unweigerlich zu Langeweile.
"Weil es mich auch einen Scheiß interessiert", sagte ich dementsprechend.
"Wer ist dir denn heute über die Leber gelaufen?"
"Noch niemand. Aber ich weiß, dass der Boss sich darauf verlässt, dass wir die Sache vor Mittag erledigt haben. Also los jetzt!" Der Boss. Für mich nicht viel mehr als ein weiterer Eintrag in meiner nicht enden wollenden Liste von Leuten, die ich nicht wiedersehen wollte. Niemals zweimal für den gleichen Typen nen Job erledigen. Niemals umdrehen und zurückgehen. Da interessierte mich auch nicht im Geringsten, dass der Kerl keiner dieser normalen Gangster war, für die ich normalerweise arbeitete. Um genau zu sein, war er alles andere als normal. Aber das ging mich nichts an.
Paul und ich setzten uns in Bewegung. Ein Kompass und ne Karte mit nem Kreuz drauf - das war unsere Orientierung. Irgendwo hier sollte sie wohnen, hat der Boss gesagt. In einer alten Holzhütte am Strand. Sollte nicht weiter schwer sein, die Alte kaltzumachen. Nur finden müssten wir sie erstmal.

"Hey... ihr!"
"Was ist denn jetzt wieder?" Langsam drehte ich mich um und sah in den Lauf einer Schrotflinte. Er zitterte. Der Typ, der die Waffe hielt, auch. Ein junger Kerl, gerade am Anfang einer vielleicht hoffnungsvollen Gangsterkarriere. Zitternde Knie, Schweiß auf der Stirn und eine vollkommen bekloppt aussehende Motorradmaske sagten mir, dass ihm diese Sache hier eigentlich ne Nummer zu groß war.
"So, ihr beiden... jetzt rürückt mal hübsch... hühübsch raus!"
"Was?"
"Was wohl? Koko.. Kohle, Mann!"
"Soll das ein Überfall werden?" Eins musste man Paul lassen: Er mochte ein hoffnungsloser Romantiker sein, aber jetzt, als es drauf ankam, war er cooler als ne Horde Eskimos im sibirischen Winter.
"Gut... gut erkannt, Ka...Kalkleiste."
"Hey, das ist blond. Ein sehr helles Blond vielleicht, aber..."
"Quatsch nicht! Rück diedie Kohle raraus. Oder... oder dein Kumpel hier hat ein fefefettes Loch im... im Kopf." Der Möchtegerndieb machte eine entschlossene Geste in meine Richtung. Ich betete, dass er es tun sollte. [i]Drück schon ab und erlöse mich. Mach dieser Scheiße ein Ende.[/i] Er spannte den Hahn. Ich konnte sehen, wie ihm der Schweiß die Stirn runterlief. Paul machte natürlich keinerlei Anstalten, dem Typen irgendwas zu geben. Stattdessen lächelte er nur.
"Hast du so was überhaupt schon mal in der Hand gehabt, Kleiner?"
"Halt die Klappe! Hahalt deine verfluchte Kappe, Klar? Willst du... willst du, dass dein Kumpel... willst du, dass er... willst du..." Natürlich konnte ich nicht für Paul sprechen, aber ich wollte. Und wie ich wollte. Und dann... naja, dann passierte es.
Ich liebe diesen kurzen Moment absoluter Stille, diesen einen Augenblick, den dein Kopf braucht, den Knall des Schusses zu verarbeiten. Wie oft hatte ich ihn wohl schon genossen? Wie oft hatte ich ihn verursacht? Der Dieb blickte mich aus schreckgeweiteten Augen starr an und fiel dann seitwärts in den Sand. Vermutlich hatte er irgendwo ein blutendes Loch im Körper, wo ich es nicht sehen konnte. Paul grinste, pustete in Westernmanier den Rauch vom Lauf seiner Knarre und steckte sie wieder ein.
"Komm, gehen wir", sagte er. "Du hast Recht, der Boss verlässt sich auf uns."

Paul hatte ja keine Ahnung. Natürlich hab ich ihm von meinem Schicksal erzählt. Aber der Mensch glaubt nur das, was er sieht. Und wenn man nicht gerade Flügel oder Hörner hat, kauft einem niemand so eine Geschichte ab. Ein Anzug mit nem roten S drauf würde vielleicht auch reichen, aber ich war kein Superheld. Meine einzige Fähigkeit bestand schlicht darin, dass ich noch lebte. Und ich hasste es. Jede einzelne gottverdammte Sekunde.
Ich habe die letzten hundert Jahre damit verbracht, für irgendwelche schmierigen Typen irgendwelche beschissenen Jobs zu erledigen. Leute um die Ecke bringen, Dinge von A nach B transportieren, Irgendwelche Häuser in die Luft jagen und so was in der Art. Wenn man lange genug in diesem Geschäft arbeitet, lernt man so einiges. Und ich war lange genug dabei, um zu wissen, wann man besser die Klappe hält. Und so hatte ich keine Fragen gestellt. Es hatte mich weder interessiert, was der Boss von dieser alten Frau am Strand wollte, noch warum er mir einen Partner an die Seite gestellt hatte.
Einen vollkommen durchgeknallten Killer. Paul konnte minutenlang über den Duft einer Rose sinnieren und dabei kleinen Hundewelpen sanft über den Kopf streicheln, nur um im nächsten Moment ohne mit der Wimper zu zucken kleinen Kindern die Kehle aufzuschlitzen. Eiskalt.
Der Unsterbliche und der Eisblock. Beinahe wie aus nem schlechten Comic.

...

Die Hütte machte auf mich den Eindruck, als wäre sie irgendwann vor vielen tausend Jahren einfach zufällig als Treibgut aus dem Meer gefallen und seitdem einfach vergessen worden. Schmucklos und nur von ihrem eigenen Alter zusammengehalten. Kein Zweifel, wir waren am Ziel. "Machen wir sie gleich kalt?" Paul lud seine Waffe.
"Nein. Ich will mich erst vergewissern, dass sie die Richtige ist. Erst reden, klar?"
"Klar." Er steckte die Waffe wieder ein. "Soll ich die Tür aufbrechen?" Ich nickte und er brach auf.
Im Innern der Hütte erwartete uns ein Sammelsurium an okkultem Müll. An der Wand hing ein ausgestopftes Krokodil, ein paar kopflose Vögel waren auf einer quer durch den Raum führenden Stange festgetackert, alte Folianten glühten anbetungswürdig im Licht der Kerzen, Glaskugeln offenbarten dem interessierten Beobachter die Wunder dieser Welt und inmitten all dieses Chaos saß eine alte Frau und kochte Suppe. Die Gerüche und Farben, die aus dem großen Kochtopf kamen, hatten eine gewisse Unaussprechlichkeit gemeinsam. "Ihr kommt spät", sagte sie und spielte verheißungsvoll mit der Warze auf ihrer viel zu langen Nase. "Mein Name ist Damballah Mambo, aber das wisst ihr vermutlich. Ich bin sicher, er hat ihn euch genannt. Seid gegrüßt." "Er hat", sagte ich.
"Du musst der sein, den sie den Lemming nennen. Der ewig Verfluchte."
"Dann weißt du sicher auch, warum wir hier sind."
"Ja, natürlich. Dein Freund wird mich töten." Paul lachte dreckig. Scheinbar freute er sich schon. "Setz dich zu mir, Lemming. Möchtest du von meiner Suppe probieren?"
"Wenn ich in meinem Leben eins gelernt habe, dann dass ich keine Suppe von alten Frauen in verrotteten Hütten annehme."
"Vielleicht erlöst dich die Suppe von deinem Fluch. Vielleicht ist sie genau das Gift, nach dem du die ganze Zeit gesucht hast."
"Bei meinem Glück krieg ich höchstens Warzen von dem Zeug."
"Nein, Warzen bekommst du davon sicher nicht. Diese Suppe ist Leben. Und sie ist Tod. Alles entspringt diesem Topf. Du tust es, dein Begleiter tut es und sogar ich. Und irgendwann endet alles in diesem Topf."
"Hat das irgendwas mit Gott und dem ganzen Mist zu tun?"
"Vielleicht." Sie zwinkerte mir zu und füllte ihren Suppenlöffel mit der milchigroten Flüssigkeit. "Es ist ein ewiger Kreislauf. Geboren werden und sterben. Du bist irgendwann aus diesem Kreis ausgebrochen. Trink und reihe dich wieder ein."
"Du kontrollierst also das Leben."
"Solange bis dein Freund mich tötet, ja." Und da war er wieder, dieser Moment. Absolute Stille, der Nachhall der Explosion in meinen Ohren, die Ruhe nach dem Schuss. Paul hatte es getan. Zu früh. Viel zu früh. Dieses Arschloch.
Ich zog meine Waffe und jagte meinem Partner eine Kugel in den Kopf.

"War das jetzt wirklich notwendig?" Eine kleine Rauchsäule erhob sich in der Mitte des Raumes und mein Boss erschien. Ein kleines blaues Männchen mit rotem Hut. Wie Papa Schlumpf, nur ohne Hose und Bart. Ich musste mich zwingen, mir angesichts dieses Anblicks seine Autorität vor Augen zu führen.
"Tut mir leid, Boss. Ich... er..."
"Naja, jetzt ist es eh zu spät. Er war sowieso nur einer von vielen." Mein Boss sah sich suchend im Raum um und nickte anerkennend. "Abgesehen davon habt ihr gute Arbeit geleistet. Sie ist weg und damit habe ich die Macht über das Leben."
"Und den Tod."
"Und den Tod. Vor allem über den Tod." Er lachte dreckig. "Folge mir."
"Aber die Suppe..."
"Vergiss die Suppe! Albernes Gewäsch einer alten Frau. Sie hat dich ablenken wollen. Ablenken vom wahren Quell ihrer Macht." Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte, aber er war der Boss und er bezahlte. Also ließ ich die Suppenkelle in den Topf sinken und folgte ihm. An der Rückwand der Hütte hing ein alter Teppich. Der Boss zog ihn beiseite und legte eine Treppe frei.
Sie führte nach oben. Angesichts der Tatsache, dass wir bei unserer Ankunft von Außen keine Treppe gesehen hatten, eine mehr als merkwürdige Angelegenheit.

...

[i]Unendlich[/i] ist ein dehnbarer Begriff.
Wir standen inmitten einer Halle, deren Ausmaße nicht auszumachen waren. In alle Richtungen erstreckten sich endlose Reihen Regale. Ein Labyrinth aus Gängen entfaltete sich vor uns, notdürftig beleuchtet von regelmäßig angebrachten Kerzen. Schwarzen Kerzen. Natürlich. Ich hob den Kopf in den Nacken und sah hinauf. Das Licht der Kerzen konnte das obere Ende der Regale nicht erreichen. Sie endeten einfach irgendwo in der Dunkelheit.
"Hier. Das ist das Leben." Der Boss griff wahllos in eines der Regale und zog etwas hervor. Ein kleiner Reissack mit vier angenähten Gliedmaßen und einer kleinen Kartoffel als Kopf.
"Das ist ne Puppe, würd ich sagen."
"Ja, eine Puppe. Voodoo." Die Augen des Bosses funkelten diabolisch. Er zog eine Nadel aus... ich wollte eigentlich gar nicht wissen, wo er sie herauszog. Auf jeden Fall hatte er auf einmal die Nadel in der Hand und hieb sie der Puppe ins rechte Auge. "Irgendjemand braucht ab Morgen eine verdammt dunkle Sonnenbrille", feixte er.
"Aberglaube..."
"Kein Aberglaube. Hier lagert Gott das Leben, wenn du so willst."
"Ich habe in meinem Leben so viel Realität gesehen, dass für so einen Unfug einfach kein Platz ist..."
"Findest du? Warte einen Augenblick." Der Boss löste sich in Luft auf. Einen Moment lang stand ich allein inmitten endloser Reihen kleiner Reissäckchen, bis er endlich wieder erschien. "Du hast gute Arbeit geleistet. Deine Belohnung..." Er reichte mir eine der Puppen. "Es ist deine."
"Das Ding hier soll ich sein? So klein?"
"So klein. Du kannst jetzt gehen. Der Umschlag mit deinem Geld liegt am vereinbarten Ort."

...

Niemals umdrehen.
Was der Boss jetzt mit den Puppen machte, ging mich nichts an. Der Job war erledigt, ich war entlassen. Alles wie immer... Nein, nicht ganz wie immer: Ich warf einen Blick auf die Puppe in meiner Hand.

Einen Versuch wäre es vielleicht wert. Schlimmer würde es schon nicht werden können. Ich setzte mich also in den Sand und biss meiner Voodoopuppe den Kopf ab.