
humor
Nobbes Projekt
(c) 2006 gnoebel
Ich glaube, der Grundstein wurde in dieser denkwürdigen Nacht gelegt, als Nobbe, Zyklopenhannes, Gott und ich auf dem Garagendach meiner Nachbarn saßen, ein Kännchen nach dem anderen zischten, Sterne zählten und unsere melancholische Ader pflegten. Wir verteufelten die Weiber, feierten uns selbst und die Existenz als Selbstzweck und gaben einen Scheiß auf die Welt.
Manchmal machen Männer sowas. Nobbe hieß im wirklichen Leben Arnulf Schwänzle und hatte seinen Spitznamen aus purem Mitleid bekommen. Er war ein leidenschaftlicher Sammler. Leere Füllerpatronen, Kippenschachteln, kaputte Sicherheitsnadeln oder angerostete Campingtische - Nobbe hatte für alles mögliche Zeugs einen Platz in seinem Sammlerherz. Besonders stolz, und das zu Recht, war er auf seine Gartentore mit abgeblätterten Farbresten. Zwar besaß er erst zwei, aber die Chancen auf ein drittes Exemplar standen nicht schlecht, er hatte da Kontakte.
Zyklopenhannes hatte Probleme mit dem dreidimensionalen Sehen. Genau genommen hatte er überhaupt Probleme mit dem Sehen, sobald er das linke Auge schloss. War ne dumme Geschichte gewesen damals mit dem Mikroskop im Biounterricht, als die dicke Helga ihm in einem für ihn ziemlich unglücklichen Moment auf eine für ihn ziemlich unglückliche Art an einer für ihn ziemlich unglücklichen Stelle angerempelt hatte. Naja, man muss ja auch nicht von allem zwei haben, sag ich immer. Hannes selber sagte relativ wenig. Eigentlich sprach er fast nie, sondern kommunizierte meistens mithilfe dieser kleinen Schiefertafel und Kreide. Warum auch nicht.
Was mich angeht, da gibts nicht viel zu erzählen. Ich bin in diesem Kaff gezeugt und geboren worden, jetzt lebte ich hier und vermutlich würde ich irgendwann auch hier sterben. Ortsschilder waren mir suspekt, darum mied ich sie so gut es ging. Außerdem hatte ich einen Überbiss. Ja, das wars in etwa.
Ach so, Gott. Naja, er war halt... Gott. Ganz genau, der Gott. Übers Wasser gehen, Welten schaffen und so. Scheiß Job, aber einer muss ihn ja machen, sagt Gott immer. Recht hat er. "Wollt ihr wissen, wie viele es sind?"
"Sterne?"
"Ja, Sterne."
"Sag schon." Gott sagte es mir. "Beeindruckend. Nee, echt. Hast du die alle gezählt?"
"Ein paar davon habe ich sogar gemacht. Siehst du den dicken gelben da, der aussieht, als hätte einer nen Popel an den Himmel gefrickelt?"
"Der is von dir?"
"Nee, aber er sieht total witzig aus. Wie ein Popel."
"Immer wieder toll, wie leicht du zu erheitern bist."
"Das Blöde am ewigen Leben ist, dass man irgendwann alle Witze kennt. Da muss man sich halt selber welche ausdenken."
"Jungs, ich geh mal Nachschub holen, ne." Nobbe wartete nicht auf Antwort - Gott und ich hatten eh nicht zugehört und bis Hannes mit Schreiben fertig sein würde, wäre er sicher längst wieder zurück - sondern sprang vom Dach auf ein paar Müllsäcke und entfernte sich in Richtung meiner Wohnungstür.
"Du kennst alle?", fragte ich.
"Sicher."
"Herr Ober, was macht..."
"Rückenschwimmen."
"Warum geht ne Blondine..."
"Wash and Go."
"Stehen siebzehn Mantafah..."
"Der Film ist ab achtzehn."
"Langweile ich dich eigentlich sehr?"
"Nur ein wenig", sagte Gott und ich glaubte ihm. Er log nie, das gehörte sich einfach nicht. "Reden wir lieber über Kühlschrankmotoren."
"Damit kenne ich mich nicht aus", gab ich unumwunden zu.
"Großartig, ich auch nicht. Wird ein tolles Gespräch."
"Ich dachte, du weißt alles."
"Schnauze. Oh, da ist Nobbe." Er hatte vier Bier dabei - mehr hatte mein alter Kühlschrank wohl nicht mehr hergeben wollen, oder aber, was viel wahrscheinlicher war, Nobbe hatte unterwegs schon drei, vier leergemacht - und eine Idee. Nobbes Ideen kann man grundsätzlich mit vollkommen bescheuert umschreiben. Oder absoluter Quatsch. Oder, wenn einem gar nichts anderes einfallen wollte und man zudem schlechte Laune hatte, auch mal mit leck mich am Arsch, ist das scheiße. Naja, von allen dämlichen Ideen, die mein Kumpel bisher gehabt hatte, sollte hier diese irgendwo im mittleren Drittel rangieren. Da allerdings ganz oben. Aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, abgesehen von Gott natürlich.
"Jungs, ich hab ne Idee", sagte Nobbe also und grinste.
"Macht ja nichts", antwortete ich und öffnete mein Bier mit einem Streichholz. Feuerzeug kann ja jeder.
"Klappe zu, das wird toll." Hannes krallte sich seine Tafel und fing schon mal an zu schreiben, während Nobbe tief Luft holte und uns seinen Plan präsentierte. "Und, Jungs, was sagt ihr?"
"Absoluter Quatsch", sagte ich.
"Leck mich am Arsch, ist das scheiße", sagte Gott.
Super, bring mir eins mit, stand auf Hannes Tafel. Und: vollkommen bescheuert. ... Das gemeine am Leben ist, dass es vorbei sein kann und man es gar nicht merkt. Ein sicherer Indikator dafür ist, wenn man plötzlich anfängt, seine Frau Mutti zu nennen und im Gegenzug ein liebevoll ironisches Vati bekommt. Oder aber, wenn man sich den ganzen Tag schon auf Wetten dass...? freut, weil Phil Collins kommt und der so charmant singen kann.
Wenn man sich allerdings einen Schrebergarten zulegt und fortan jedes Wochenende freiwillig mit dem Züchten von Gladiolen und Moosröschen verbringt, sorgfältig jede kleinste Spur von Girsch (Aegopodium podagraria - fieses Kruppzeug) aus den Beeten klaubt und es zulässt, dass der Höhepunkt des Jahres aus einem Osterfeuer mit leckeren Würstchen vom Vereinsgrill besteht, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, mit mindestens zwei Beinen im Grab zu stehen.
Nobbes Eltern standen nicht nur mit beiden Beinen im Grab, sie hatten auch schon den Deckel hinter sich geschlossen. Metaphorisch gesehen. Die Laube windschief zu nennen wäre ein verdammter Euphemismus gewesen. Die Hütte war nur deshalb noch nicht in sich zusammengefallen, weil die Schwerkraft an diesem Ort ihre ganze Energie darauf konzentrieren musste, nicht vor Langeweile zu sterben und sich deshalb einen Spaß erlaubte.
"Willkommen im Zentrum des Bösen", sagte Nobbe verheißungsvoll, als er die schwere Eichentür öffnete und uns einen Blick in die kleine Laube werfen ließ. Ich glaubte, ein paar Kakerlaken Tür zu, es zieht rufen gehört zu haben, aber das war natürlich nur Einbildung. In Wirklichkeit waren sie viel zu beschäftigt damit, das Heer invasionsfreudiger Hausspinnen in Schach zu halten. Eklige Tiere, alles was Recht ist.
"Das Zentrum des Bösen ist die dunkle Furche aus Hass in deinem Herzen", sagte Gott, aber niemand achtete darauf. Wenn er nüchtern war, neigte er oft dazu, unkontrollierten Blödsinn zu reden.
"Haben deine Eltern nichts dagegen, wenn wir hier einfach so umbauen?"
"Die sind froh, wenn hier mal einer klar Schiff macht."
"Du hast ihnen also nicht gesagt, was du vorhast?"
"Wir. Was wir vorhaben", korrigierte er mich. "Und nein, habe ich nicht. Mein Vater hats mit dem Herzen, weißt du?"
"Nein."
"Naja, aber er könnte die Aufregung nicht..."
"Leute, ich weiß nicht, wie euch das geht, aber ich brauch erst mal ne Pause." Gott stellte seinen schweren Rucksack ab, besorgte uns irgendwoher Liegestühle und setzte sich in die Sonne. Bier in der linken, Kippe in der rechten Hand, direkt neben den Grill, auf dem schon leckere Würstchen auf Verzehr warteten. Manchmal ist es schon geil, Gott als Kumpel zu haben. Nach der Pause checkte Nobbe die Ausrüstung, während Gott und Hannes die Gegend erkunden wollten. Mir fiel die ehrenvolle Aufgabe zu, die Kakerlaken und Spinnen zum geordneten Rückzug zu überreden.
Nach einem eher fruchtlosen Gespräch mit der Anführerin der arachnoiden Emanzipationsbewegung und dem Vizekanzler der Schabenschaft für lokale Besetzungsfragen kam ich mit mir selbst überein, dass so ein paar lächerliche Insekten uns in unserer ehrenvollen Tätigkeit schon nicht stören würden und ich sie eigentlich in Ruhe lassen könnte. Dann entschied ich mich um, warf eine bunt zusammengewürfelte Mischung aus allerlei Pestiziden, verschiedensten chemischen Keulen und aus einem eigens zu diesem Zweck aus dem Nachbargarten importierten Kater gewonnen Katzenhormonen in die Laube, schloss von außen die Tür und ließ der Natur ihren Lauf. Der Mensch gewinnt am Ende immer, denn er hat die coolsten Waffen.
"Wir haben einen Spaten zu wenig", sagte Nobbe.
"Wieso? Sind doch drei Stück. Gott, Hannes und du. Reicht doch."
"Okay, dann schwingst du also die Spitzhacke und räumst den Schutt weg?"
"Nein." ... Die erste Woche verging recht fix.
Betonfundament kaputtkloppen, wie die Weltmeister buddeln und die ganze Scheiße immer wieder mit der Schubkarre hinten übern Zaun in den angrenzenden Tümpel kippen. Dazwischen immer wieder Pausen in der prallen Sonne bei Kippe, Bier und lecker Bratwurst. Naja, und irgendwann hatte Nobbes vollkommen hirnrissiger Plan tatsächlich sowas wie Gestalt angenommen.
"So was Schönes hab ich noch nie gesehen, Freunde."
"Nobbe, es ist ein Loch."
"Aber ein schönes", bestätigte Gott. "Ein schöneres hätte ich selbst kaum schaffen können."
"Wo wir gerade dabei sind... ich fands irgendwie schon doof von dir, dass du nicht einfach..."
"Nicht einfach was?"
"Naja... nicht einfach", sagte Nobbe und kam ziemlich ins Schwitzen. Nobbe neigt dazu, beim Schwitzen ziemlich eklig auszusehen. "Nicht einfach ein Wunder... also.. gewundert hast."
"Was du meinst sind Zaubertricks. Und weil ich kein verschissener Copperfield bin, kannst du bei mir auf sowas warten, bis Sodom und Gomorrha auf einen Tag fällt."
"Weihnachten und Ostern", unterbrach ich die Streithähne.
"Was?"
"Nicht Sodom und Gomorrha fallen auf einen Tag, sondern Weihnachten und Ostern."
"Das wüsste ich aber", sagte Gott und natürlich hatte er Recht.
Hannes kritzelte irgendwas auf seine Tafel, aber ich hatte keine Lust, es mir anzusehen. Seine Beiträge zeichneten sich meistens durch einen eklatanten Mangel an Originalität aus. Stattdessen machte ich eine kleine Nachtwanderung durch die Kleingartenkolonie.
Erweckte sie tagsüber noch den Eindruck, als würden Hund und Hase sich hier gute Nacht sagen und Angst haben müssen, nicht von den hochgeklappten Bordsteinen zu fallen, so fragte man sich des Nachts, ob es hier überhaupt jemals Tiere oder Bordsteine gegeben hatte. ... Ihr Name war Claudia, aber das wusste ich noch nicht. Hatte sie ja noch nie zuvor gesehen. Ich glaube, es war eine Art Schicksal oder so - eine andere Erklärung habe ich nicht, aber jedenfalls führten mich meine Wege an diesem Abend ausgerechnet an diesen Garten. Während ich die rostige Klinke des runtergekommenen Gartentores drückte - an dem, nebenbei bemerkt, Nobbe seine helle Freude gehabt hätte - und über den vollkommen verwilderten Rasen Richtung Laube trottete, fragte ich mich schon, ob ich hier echt einfach so in einen fremden Garten eindringen wollte. Aber ich konnte nicht anders, irgendwas zog mich hierher. Naja, und dann sah ich sie. Sitzend an einem wackligen Campingtisch, für den Nobbe sein linkes Ei gegeben hätte, umgeben von nicht weniger als siebzehn Teelichtern, die ihr verdammt hübsches Gesicht in einen mystischen Schein tauchten, leicht beschallt von Mark Knopflers akustischem Pendant zu einem Strauß Rosen und sich selbst eine Pistole an die Schläfe haltend.
"Und jetzt?", fragte ich. Vielleicht hätte ich anders anfangen sollen. Irgendwas Wichtiges sagen oder so. Sie antwortete nicht, zuckte hilflos mit den Schultern. Die feuchten Tränenspuren auf ihrem Gesicht sprachen Bände. Angst vor dem letzten Schritt. "Ich nehme an, ich sollte jetzt versuchen, dich aufzuhalten." Nicken. "Also, ich hab ne Menge Filme gesehen, in denen die das so machen. Dinge sagen von wegen das Leben ist zu schön, um es wegzuwerfen oder so."
"Ja, ich weiß", sagte sie. "Willst du mich aufhalten?"
"Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage wäre. Abgesehen davon hast du Recht: das Leben ist scheiße und vielleicht wäre es echt das Beste, sich einfach den Schädel an die Wand zu blasen."
"Du machst es mir nicht gerade leicht."
"Es sollte auch nicht leicht sein. Ich meine, klar, die Welt ist ein gottverdammtes Arschloch. Brauchen wir gar nicht drüber diskutieren, weiß eh jeder. Wenn du der Meinung bist, dass du keinen Bock mehr hast, muss ich das wohl akzeptieren. Ist deine Entscheidung."
"Du meinst..."
"Obwohl es verdammt noch mal echt schade drum wäre", fuhr ich fort. Kurzes Zögern. Dann legte sie die Waffe auf den Tisch und versuchte zu lächeln.
"Ich bin Claudia", sagte Claudia. Und so haben wir uns kennen gelernt. ... "Und, was sagst du?"
"Naja, es ist ein Loch." Claudia schien irgendwie nicht besonders beeindruckt zu sein.
"Ja. Ein Loch."
"Warum untertunnelt ihr die Laube?"
"War Nobbes Idee. Wenn du mich fragst, ist es absoluter Quatsch."
"Und was macht ihr mit diesem Loch?"
"Wir... naja, wir... Nobbe, erklärs ihr."
"Findest du echt, wir sollten sie einweihen?", fragte er. "Ich meine, sie hat keine Ahnung und außerdem ist sie ne Frau."
"Nicht alle Frauen sind wie Sabine." Nobbe hatte einmal eine Frau gehabt. Nettes Mädel eigentlich, nur leider so gar nicht seine Kragenweite. Während wir geschlechtsmäßig irgendwo in der Kreisliga rumkrebsten, war Sabine auf dem Sprung in die Championsleague gewesen. Hatte nicht gut gehen können, war nicht gut gegangen. "Komm, jetzt sags ihr."
"Okay... aber nur, weil du es bist." Er erklärte es ihr. Claudia nickte. Keine Fragen, keine dummen Sprüche, keine irritierten Blicke. Ich glaube, sie hat es einfach verstanden. Solls ja geben sowas. Später an diesem Abend hatte Gott dann die Idee, ein paar neue Spezies zu kreieren. Hauptsächlich Spinnen und kleine fliegende Insekten sollten es sein. Mit vielen Beinen und Stacheln. Ich glaube, es lag am übermäßigen Malzbierkonsum - das brachte ihn immer in Stachelstimmung.
"Ich helf dir", sagte Nobbe, folgte Gott in dessen improvisierte Werkstatt hinter dem Haus und ließ mich mit Claudia allein. Zyklopenhannes hatte sich schon vor Stunden in seinen lecker umbrafarbenen Schlafsack gekuschelt und sägte vor der Schwelle der untertunnelten Laube eine Traumeiche.
"Weißt du, wie viele es sind?" Claudia nippte an ihrem Bier und sah nachdenklich Richtung Nachthimmel.
"Sterne? Ja, das weiß ich zufällig wirklich."
"Verarsch mich nicht."
"Tu ich nicht, ich weiß es echt. Und wenn du mir versprichst, dir nicht den Kopf wegzublasen, sag ichs dir. Deal?"
"Deal." Sie grinste. "Siehst du den einen da, der aussieht wie ein Popel?"
"Ja. Witzig, oder?" An anderer Stelle herrschte zu diesem Zeitpunkt etwas weniger Eintracht. Es war nicht direkt ein Streit - eher ein Ausbruch jenes wohldosierten und gesunden gegenseitigen Hasses, den jede echte Freundschaft wohl braucht.
"Jetzt halt doch mal den Sabbel!"
"Tut mir Leid, ich wollte nur helfen."
"Helfen? Alter, du hast das Ding da rein gesteckt. Guck dir den Scheiß doch mal an, das kann doch gar nicht gehen! Total unpraktisch."
"Ach ja? Wie würdest du das denn machen?" Gott zeigte es ihm. "Ach so... ja, das macht natürlich Sinn."
"Siehste? Ich fummel immerhin seit Ewigkeiten an sowas rum. Wenn ich von einer Sache Ahnung hab, dann davon."
"Ja, schon..." Nobbe war skeptisch. "Aber sieht das nicht irgendwie ziemlich konventionell aus? Ich meine, warum nicht mal was Neues probieren?"
"Weißt du, was passiert ist, als ich das letzte Mal was Neues probieren wollte? Sintflut."
"Ach was."
"Nee, echt. Ist ne lange Geschichte, vielleicht erzähl ich sie dir irgendwann. Und jetzt gib mir mal die Fliegenbeine."
"Wie viele brauchst du?"
"Wie viele sind noch da?"
"Sieben."
"Gib mir alle... vielleicht probier ich doch mal was Neues." ... Claudia hat sich den Kopf nicht weggeblasen. Nicht an diesem Abend und auch sonst nicht. Gute Entscheidung, fand ich.
Stattdessen half sie uns, wo sie konnte, schmierte Schnittchen, kochte Tee und erklärte dem netten Herrn von der Stadtverwaltung, wo die ganzen Schuttberge im Tümpel hinter unserem Schrebergarten herkamen, wobei sie sämtliche Register ihres weiblichen Charmes zog. Und, Scheiße noch eins, davon hatte sie jede Menge.
Naja, und dann war der Sommer plötzlich zu Ende. Keine Ahnung, wie viele Wochen oder Monate da vergangen sind - wir waren so mit Buddeln beschäftigt, dass wir irgendwie nie auf die Uhr gesehen haben. Doch, einmal... das war so gegen zehn.
"Fertig", sagte Nobbe irgendwann. Unsere Höhle hatte inzwischen gewaltige Ausmaße angenommen, war etwa vier Stockwerke tief und untertunnelte nicht nur die Laube, sondern mittlerweile den gesamten Garten. Wir hatten lediglich eine dünne Erdschicht als Decke gelassen, die gerade dick genug war, damit das Ding uns nicht einstürzte.
"Wie jetzt?"
"Ja, fertig."
"Es ist immer noch ein Loch."
"Nein, es ist kein Loch mehr. Jetzt ist es ein Projekt."
"Es sieht genauso aus wie gestern. Nur die eine Ecke hier ist was tiefer."
"Genau. Kommt, Leute, das wird gefeiert."
"Gute Idee", sagte Gott. "Ich hab so Hunger, dass ich vor lauter Durst gar nicht weiß, was ich rauchen soll, so müde bin ich!"
"Und ich... ja, genau... gehen wir."
Greift zu hatte Hannes geschrieben. Er war für diesen Tag unser Natural Born Griller gewesen und hatte es irgendwie fertig gebracht, drei Schinkengriller auf eine derart grazile Art durch den Rost in die Kohlen fallen zu lassen, dass man - wenn jemand nachgemessen hätte - ein perfekt gleichschenkliges Dreieck vorgefunden hätte. Hat aber niemand nachgemessen.
"Also, was machen wir jetzt mit dem Loch?", fragte Gott.
"Hab ich euch doch damals schon gesagt. Jetzt kommt Phase zwei."
"Ey, denkst du echt, ich hab dir damals zugehört? Komm, erklär noch mal." Nobbe seufzte, stellte sein Bier auf den Boden und erklärte es. Den ganzen Plan, von A bis Z. Im Laufe der letzten Monate hatte er viel Zeit gehabt, die Details auszuarbeiten und so dauerte dieses Briefing um einiges länger als das damals auf dem Garagendach. Sogar die Farbgebung (schickes Türkis) hatte er bedacht, ebenso wie die Logistik und den Plan zur Geheimhaltung der Operation vor den Obmännern des Kleingartenvereins. "Naja, und zum Schluss pinseln wir die ganze Scheiße noch schick türkis an."
"Sagt mal... hat einer von euch zufällig ein Geodreieck dabei?" Claudia hatte nicht zugehört, sie hatte den Plan als einzige noch im Kopf gehabt, sondern beäugte nachdenklich den Grill. "Also, nicht dass es wichtig wäre oder so, aber diese Würstchen da in der Kohle sehen aus, als ob..."
"Nicht nötig, es stimmt", sagte Gott.
"Geil." ... Über die Frage, wie viele türkise Farbeimer man auf dem vergammelten Fahrrad seiner Mutter (altes importiertes DDR-Model ohne Lack oder Gepäckträger - von nem Korb ganz zu schweigen) transportieren kann, hatte ich nie wirklich nachgedacht. Nicht, dass es mich irgendwie interessiert hätte, aber irgendwie war es dennoch eine nette Erfahrung, auf diese Frage von diesem Tag an eine Antwort zu haben: Sieben.
Hätte ich auch noch an Pinsel und leere Marmeladengläser gedacht - nichts eignet sich schließlich besser zum Weichmachen der widerspenstigen Borsten, als ein Bad in kaltem Wasser, dargereicht in einem alten Marmeladenglas (die billige von Tip mit Erdbeer) - hätte ich vermutlich weniger Farbe mitgekriegt, dafür aber auch nur einmal fahren müssen. Dass ich dann noch ein drittes Mal fahren musste, lag nicht daran, dass ich die Lammfellrollen vergessen hatte, sondern war ein Produkt meines Durstes in Zusammenspiel mit der ostentativen Leere des Kühlschranks. Die Lammfellrollen hatte ich natürlich trotzdem vergessen, das war dann Fahrt Nummer vier. Fahrt Nummer sechs war dann nur nötig, weil ich auf der fünften, deren Sinn mir im Nachhinein selbst nicht mehr klar ist, unterwegs die Luftpumpe verloren hatte.
"Du hast weises Werk getan, mein Bruder." Scheiße, Gott war wieder nüchtern. "Mögen deine Muskeln momentan von Selbsthass zerfressen sein, so wird dein Herz sich von der Macht der Liebe nähren, bis..."
"Hier, ich hab Bier dabei."
"Lass wachsen."
"Weißt du, was ich mir überlegt hab?"
"Nein. Ich meine, klar weiß ich das..." Scheinbar hatte er aus älteren Diskussionen über seine Allwissenheit gelernt. "Aber... naja..."
"Schon klar. Also, ich hab mir überlegt, warum wir nicht einfach die Dosen da hinstellen und sprengen. Dann müsste die Farbe doch überall hin spritzen und wir bräuchten nicht..."
"Soll ich dir mal was sagen?"
"Bitte."
"Manchmal frag ich mich echt, ob Nobbe nicht irgendwie doch abfärbt."
"Doofe Idee?"
"Verdammt doofe Idee."
"Okay, tut mir Leid. Nochn Bier?"
"Ey, du hast mir das letzte doch erst vor zwei Minuten... klar, gib her."
Dieses komische Sprichwort von wegen wenn man vom Teufel spricht und so... naja, das stimmt. Nobbe bog schwitzend um die Ecke der Laube und schien ziemlich sauer zu sein. Er stank. Anders als sonst.
"Hör mal, ich hab ja nichts dagegen, wenn du hier hinterm Haus deine Viecher bastelst..."
"Viecher? Das, das ist die Schöpfung, Mann! Du bist ein verkackter Ignorant."
"Von mir aus. Wie gesagt, ist ja okay. Ich meine, ist toll, dass du deinen Job nicht aus den Augen verlierst, weißt du. Nee echt, find ich gut. Aber wenn deine Vie... deine Schöpfung mir den Garten vollkackt, dann ist Schluss. Mein Vater hats böse am Herzen."
"Tut mir Leid, mir war halt nach Kuh."
"Kühe hast du schon gemacht", unterbrach ich. "Ziemlich viele sogar."
"Davon kann man nie genug haben."
"Na, ist auch egal, aber heute Abend sind die jedenfalls weg. Klar? Meine Eltern kriegen sonst Pickel."
"Oh, das wäre dumm. Klar, heute Abend sind sie weg." "Wo bringst du sie hin?", fragte ich Gott, nachdem Nobbe sich glücklich lächelnd mit den Farbeimern an den Abstieg ins Loch machte. Sah ziemlich witzig aus, wie er versuchte, den ganzen Kram auf einmal runterzuwuchten, ohne seine Würde oder das Gleichgewicht auf der Leiter zu verlieren.
"Irgendein Platz findet sich immer. Notfalls mach ich Zuckerwatte drum und verklopp sie als Schafe nach Australien."
"Du bist ein komischer Gott."
"Findest du? Verglichen womit?"
"Naja, ich dachte irgendwie immer, Gott würde seine Schöpfung lieben und so. Und dann... naja, dann hab ich dich kennen gelernt."
"Ja, das war ne coole Aktion gewesen damals. Weißt du noch, wie ich damals strammvoll vom Spargelessen bei euch in den Garten gefallen bin und euch in die Bowle gekotzt hab?"
"Siehst du, genau das mein ich. Du bist total... Ich meine, also, was ich sagen will..."
"Du willst wissen, warum ich es zulassen konnte, dass Claudia sich umbringen wollte?"
"Hast du wieder in meinem Kopf rumgespukt?"
"Du weißt, dass ich das nicht mache. Ich hab Angst vor weiten Räumen."
"Arsch. Aber du hast Recht, das meinte ich."
"Hab ich dir doch schon so oft erklärt. Alter, es ist einfach nicht mein Job, Menschen von ihrem Scheiß abzuhalten. Übrigens hat Claudia sich ja nicht umgebracht."
"Weil ich sie zufällig gefunden hab."
"Ja... zufällig." ... Weihnachten war toll.
Wir setzten uns um den Plastikbaum ins Loch, futterten Schokokekse mit Schlagsahne, nahmen den ein oder anderen kalten Glühpunsch und beschenkten uns reich. Nicht gegenseitig, das wäre irgendwie affig gewesen. Stattdessen hatten wir alle zusammengeschmissen und waren dann gemeinsam losgezogen, um uns irgendwas zu kaufen.
Hannes bekam einen neuen Schwamm für seine Tafel und ein Monokel (nicht, dass er es gebraucht hätte, aber er war der Meinung, es würde ihn älter machen), Gott die neue Platte von Sodom, ich ne neue Kette für das Rad meiner Mutter und Nobbe bekam drei Wäscheklammern, sieben Paar Achtzehnlochsocken und das Gartentor von Claudia. Er hat fast geheult. Claudia schenkten wir einen Hund. Einen echten mit Knopfaugen und wedelndem Schwanz.
"Wollt ihr was total Abgefahrenes hören?", begann Nobbe etwas später am Abend kekskrümelspuckend. "Ich hab nen neuen Job." "Ach guck... Kein Scheiß? Was machste denn?"
"Naja, ich bin doch jetzt sowas wie Profi und da... naja, die haben mich beim Baumarkt als Verkäufer eingestellt. Wo ich doch eh die meiste Zeit da war und so."
"Nobbe, das ist toll", sagte Gott.
"Jo", nickten Claudia und ich.
"Geile Sache! Prost", sagte Zyklopenhannes. Ja, hat uns damals auch gewundert. ... Das Projekt haben wir nicht beendet. Ich glaube, irgendwann haben Nobbes Eltern den Garten einfach wieder abgegeben. Richtig gekümmert hatte es uns nicht, es hat seinen Zweck erfüllt.
Irgendwann im Frühling gab mir Claudia dann einen Kuss. Nicht den ersten, nicht den letzten. Wir saßen auf der Wiese vor der gammeligen Laube und sahen in den Sternenhimmel.
"Du hast mir nie gesagt, wie viele es sind."
"Du hast mich nie gefragt."
"Und wenn ich dich jetzt fragen würde?"
"Naja... wenn ich es dir sage, musst du dir den Kopf wegblasen. Das war der Deal, weißt du noch?"
"Ich glaube, den können wir inzwischen vergessen, oder?"
"Deal ist Deal, mit sowas spaßt man nicht. Und ich wills nicht drauf ankommen lassen. Übrigens hast du mir nie erzählt, warum du damals... naja..."
"Stimmt. Habe ich nicht. Spielt das eine Rolle?"
"Nein. Nein, ich glaube nicht." Es spielte wirklich keine Rolle.
Manchmal machen Männer sowas. Nobbe hieß im wirklichen Leben Arnulf Schwänzle und hatte seinen Spitznamen aus purem Mitleid bekommen. Er war ein leidenschaftlicher Sammler. Leere Füllerpatronen, Kippenschachteln, kaputte Sicherheitsnadeln oder angerostete Campingtische - Nobbe hatte für alles mögliche Zeugs einen Platz in seinem Sammlerherz. Besonders stolz, und das zu Recht, war er auf seine Gartentore mit abgeblätterten Farbresten. Zwar besaß er erst zwei, aber die Chancen auf ein drittes Exemplar standen nicht schlecht, er hatte da Kontakte.
Zyklopenhannes hatte Probleme mit dem dreidimensionalen Sehen. Genau genommen hatte er überhaupt Probleme mit dem Sehen, sobald er das linke Auge schloss. War ne dumme Geschichte gewesen damals mit dem Mikroskop im Biounterricht, als die dicke Helga ihm in einem für ihn ziemlich unglücklichen Moment auf eine für ihn ziemlich unglückliche Art an einer für ihn ziemlich unglücklichen Stelle angerempelt hatte. Naja, man muss ja auch nicht von allem zwei haben, sag ich immer. Hannes selber sagte relativ wenig. Eigentlich sprach er fast nie, sondern kommunizierte meistens mithilfe dieser kleinen Schiefertafel und Kreide. Warum auch nicht.
Was mich angeht, da gibts nicht viel zu erzählen. Ich bin in diesem Kaff gezeugt und geboren worden, jetzt lebte ich hier und vermutlich würde ich irgendwann auch hier sterben. Ortsschilder waren mir suspekt, darum mied ich sie so gut es ging. Außerdem hatte ich einen Überbiss. Ja, das wars in etwa.
Ach so, Gott. Naja, er war halt... Gott. Ganz genau, der Gott. Übers Wasser gehen, Welten schaffen und so. Scheiß Job, aber einer muss ihn ja machen, sagt Gott immer. Recht hat er. "Wollt ihr wissen, wie viele es sind?"
"Sterne?"
"Ja, Sterne."
"Sag schon." Gott sagte es mir. "Beeindruckend. Nee, echt. Hast du die alle gezählt?"
"Ein paar davon habe ich sogar gemacht. Siehst du den dicken gelben da, der aussieht, als hätte einer nen Popel an den Himmel gefrickelt?"
"Der is von dir?"
"Nee, aber er sieht total witzig aus. Wie ein Popel."
"Immer wieder toll, wie leicht du zu erheitern bist."
"Das Blöde am ewigen Leben ist, dass man irgendwann alle Witze kennt. Da muss man sich halt selber welche ausdenken."
"Jungs, ich geh mal Nachschub holen, ne." Nobbe wartete nicht auf Antwort - Gott und ich hatten eh nicht zugehört und bis Hannes mit Schreiben fertig sein würde, wäre er sicher längst wieder zurück - sondern sprang vom Dach auf ein paar Müllsäcke und entfernte sich in Richtung meiner Wohnungstür.
"Du kennst alle?", fragte ich.
"Sicher."
"Herr Ober, was macht..."
"Rückenschwimmen."
"Warum geht ne Blondine..."
"Wash and Go."
"Stehen siebzehn Mantafah..."
"Der Film ist ab achtzehn."
"Langweile ich dich eigentlich sehr?"
"Nur ein wenig", sagte Gott und ich glaubte ihm. Er log nie, das gehörte sich einfach nicht. "Reden wir lieber über Kühlschrankmotoren."
"Damit kenne ich mich nicht aus", gab ich unumwunden zu.
"Großartig, ich auch nicht. Wird ein tolles Gespräch."
"Ich dachte, du weißt alles."
"Schnauze. Oh, da ist Nobbe." Er hatte vier Bier dabei - mehr hatte mein alter Kühlschrank wohl nicht mehr hergeben wollen, oder aber, was viel wahrscheinlicher war, Nobbe hatte unterwegs schon drei, vier leergemacht - und eine Idee. Nobbes Ideen kann man grundsätzlich mit vollkommen bescheuert umschreiben. Oder absoluter Quatsch. Oder, wenn einem gar nichts anderes einfallen wollte und man zudem schlechte Laune hatte, auch mal mit leck mich am Arsch, ist das scheiße. Naja, von allen dämlichen Ideen, die mein Kumpel bisher gehabt hatte, sollte hier diese irgendwo im mittleren Drittel rangieren. Da allerdings ganz oben. Aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, abgesehen von Gott natürlich.
"Jungs, ich hab ne Idee", sagte Nobbe also und grinste.
"Macht ja nichts", antwortete ich und öffnete mein Bier mit einem Streichholz. Feuerzeug kann ja jeder.
"Klappe zu, das wird toll." Hannes krallte sich seine Tafel und fing schon mal an zu schreiben, während Nobbe tief Luft holte und uns seinen Plan präsentierte. "Und, Jungs, was sagt ihr?"
"Absoluter Quatsch", sagte ich.
"Leck mich am Arsch, ist das scheiße", sagte Gott.
Super, bring mir eins mit, stand auf Hannes Tafel. Und: vollkommen bescheuert. ... Das gemeine am Leben ist, dass es vorbei sein kann und man es gar nicht merkt. Ein sicherer Indikator dafür ist, wenn man plötzlich anfängt, seine Frau Mutti zu nennen und im Gegenzug ein liebevoll ironisches Vati bekommt. Oder aber, wenn man sich den ganzen Tag schon auf Wetten dass...? freut, weil Phil Collins kommt und der so charmant singen kann.
Wenn man sich allerdings einen Schrebergarten zulegt und fortan jedes Wochenende freiwillig mit dem Züchten von Gladiolen und Moosröschen verbringt, sorgfältig jede kleinste Spur von Girsch (Aegopodium podagraria - fieses Kruppzeug) aus den Beeten klaubt und es zulässt, dass der Höhepunkt des Jahres aus einem Osterfeuer mit leckeren Würstchen vom Vereinsgrill besteht, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, mit mindestens zwei Beinen im Grab zu stehen.
Nobbes Eltern standen nicht nur mit beiden Beinen im Grab, sie hatten auch schon den Deckel hinter sich geschlossen. Metaphorisch gesehen. Die Laube windschief zu nennen wäre ein verdammter Euphemismus gewesen. Die Hütte war nur deshalb noch nicht in sich zusammengefallen, weil die Schwerkraft an diesem Ort ihre ganze Energie darauf konzentrieren musste, nicht vor Langeweile zu sterben und sich deshalb einen Spaß erlaubte.
"Willkommen im Zentrum des Bösen", sagte Nobbe verheißungsvoll, als er die schwere Eichentür öffnete und uns einen Blick in die kleine Laube werfen ließ. Ich glaubte, ein paar Kakerlaken Tür zu, es zieht rufen gehört zu haben, aber das war natürlich nur Einbildung. In Wirklichkeit waren sie viel zu beschäftigt damit, das Heer invasionsfreudiger Hausspinnen in Schach zu halten. Eklige Tiere, alles was Recht ist.
"Das Zentrum des Bösen ist die dunkle Furche aus Hass in deinem Herzen", sagte Gott, aber niemand achtete darauf. Wenn er nüchtern war, neigte er oft dazu, unkontrollierten Blödsinn zu reden.
"Haben deine Eltern nichts dagegen, wenn wir hier einfach so umbauen?"
"Die sind froh, wenn hier mal einer klar Schiff macht."
"Du hast ihnen also nicht gesagt, was du vorhast?"
"Wir. Was wir vorhaben", korrigierte er mich. "Und nein, habe ich nicht. Mein Vater hats mit dem Herzen, weißt du?"
"Nein."
"Naja, aber er könnte die Aufregung nicht..."
"Leute, ich weiß nicht, wie euch das geht, aber ich brauch erst mal ne Pause." Gott stellte seinen schweren Rucksack ab, besorgte uns irgendwoher Liegestühle und setzte sich in die Sonne. Bier in der linken, Kippe in der rechten Hand, direkt neben den Grill, auf dem schon leckere Würstchen auf Verzehr warteten. Manchmal ist es schon geil, Gott als Kumpel zu haben. Nach der Pause checkte Nobbe die Ausrüstung, während Gott und Hannes die Gegend erkunden wollten. Mir fiel die ehrenvolle Aufgabe zu, die Kakerlaken und Spinnen zum geordneten Rückzug zu überreden.
Nach einem eher fruchtlosen Gespräch mit der Anführerin der arachnoiden Emanzipationsbewegung und dem Vizekanzler der Schabenschaft für lokale Besetzungsfragen kam ich mit mir selbst überein, dass so ein paar lächerliche Insekten uns in unserer ehrenvollen Tätigkeit schon nicht stören würden und ich sie eigentlich in Ruhe lassen könnte. Dann entschied ich mich um, warf eine bunt zusammengewürfelte Mischung aus allerlei Pestiziden, verschiedensten chemischen Keulen und aus einem eigens zu diesem Zweck aus dem Nachbargarten importierten Kater gewonnen Katzenhormonen in die Laube, schloss von außen die Tür und ließ der Natur ihren Lauf. Der Mensch gewinnt am Ende immer, denn er hat die coolsten Waffen.
"Wir haben einen Spaten zu wenig", sagte Nobbe.
"Wieso? Sind doch drei Stück. Gott, Hannes und du. Reicht doch."
"Okay, dann schwingst du also die Spitzhacke und räumst den Schutt weg?"
"Nein." ... Die erste Woche verging recht fix.
Betonfundament kaputtkloppen, wie die Weltmeister buddeln und die ganze Scheiße immer wieder mit der Schubkarre hinten übern Zaun in den angrenzenden Tümpel kippen. Dazwischen immer wieder Pausen in der prallen Sonne bei Kippe, Bier und lecker Bratwurst. Naja, und irgendwann hatte Nobbes vollkommen hirnrissiger Plan tatsächlich sowas wie Gestalt angenommen.
"So was Schönes hab ich noch nie gesehen, Freunde."
"Nobbe, es ist ein Loch."
"Aber ein schönes", bestätigte Gott. "Ein schöneres hätte ich selbst kaum schaffen können."
"Wo wir gerade dabei sind... ich fands irgendwie schon doof von dir, dass du nicht einfach..."
"Nicht einfach was?"
"Naja... nicht einfach", sagte Nobbe und kam ziemlich ins Schwitzen. Nobbe neigt dazu, beim Schwitzen ziemlich eklig auszusehen. "Nicht einfach ein Wunder... also.. gewundert hast."
"Was du meinst sind Zaubertricks. Und weil ich kein verschissener Copperfield bin, kannst du bei mir auf sowas warten, bis Sodom und Gomorrha auf einen Tag fällt."
"Weihnachten und Ostern", unterbrach ich die Streithähne.
"Was?"
"Nicht Sodom und Gomorrha fallen auf einen Tag, sondern Weihnachten und Ostern."
"Das wüsste ich aber", sagte Gott und natürlich hatte er Recht.
Hannes kritzelte irgendwas auf seine Tafel, aber ich hatte keine Lust, es mir anzusehen. Seine Beiträge zeichneten sich meistens durch einen eklatanten Mangel an Originalität aus. Stattdessen machte ich eine kleine Nachtwanderung durch die Kleingartenkolonie.
Erweckte sie tagsüber noch den Eindruck, als würden Hund und Hase sich hier gute Nacht sagen und Angst haben müssen, nicht von den hochgeklappten Bordsteinen zu fallen, so fragte man sich des Nachts, ob es hier überhaupt jemals Tiere oder Bordsteine gegeben hatte. ... Ihr Name war Claudia, aber das wusste ich noch nicht. Hatte sie ja noch nie zuvor gesehen. Ich glaube, es war eine Art Schicksal oder so - eine andere Erklärung habe ich nicht, aber jedenfalls führten mich meine Wege an diesem Abend ausgerechnet an diesen Garten. Während ich die rostige Klinke des runtergekommenen Gartentores drückte - an dem, nebenbei bemerkt, Nobbe seine helle Freude gehabt hätte - und über den vollkommen verwilderten Rasen Richtung Laube trottete, fragte ich mich schon, ob ich hier echt einfach so in einen fremden Garten eindringen wollte. Aber ich konnte nicht anders, irgendwas zog mich hierher. Naja, und dann sah ich sie. Sitzend an einem wackligen Campingtisch, für den Nobbe sein linkes Ei gegeben hätte, umgeben von nicht weniger als siebzehn Teelichtern, die ihr verdammt hübsches Gesicht in einen mystischen Schein tauchten, leicht beschallt von Mark Knopflers akustischem Pendant zu einem Strauß Rosen und sich selbst eine Pistole an die Schläfe haltend.
"Und jetzt?", fragte ich. Vielleicht hätte ich anders anfangen sollen. Irgendwas Wichtiges sagen oder so. Sie antwortete nicht, zuckte hilflos mit den Schultern. Die feuchten Tränenspuren auf ihrem Gesicht sprachen Bände. Angst vor dem letzten Schritt. "Ich nehme an, ich sollte jetzt versuchen, dich aufzuhalten." Nicken. "Also, ich hab ne Menge Filme gesehen, in denen die das so machen. Dinge sagen von wegen das Leben ist zu schön, um es wegzuwerfen oder so."
"Ja, ich weiß", sagte sie. "Willst du mich aufhalten?"
"Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage wäre. Abgesehen davon hast du Recht: das Leben ist scheiße und vielleicht wäre es echt das Beste, sich einfach den Schädel an die Wand zu blasen."
"Du machst es mir nicht gerade leicht."
"Es sollte auch nicht leicht sein. Ich meine, klar, die Welt ist ein gottverdammtes Arschloch. Brauchen wir gar nicht drüber diskutieren, weiß eh jeder. Wenn du der Meinung bist, dass du keinen Bock mehr hast, muss ich das wohl akzeptieren. Ist deine Entscheidung."
"Du meinst..."
"Obwohl es verdammt noch mal echt schade drum wäre", fuhr ich fort. Kurzes Zögern. Dann legte sie die Waffe auf den Tisch und versuchte zu lächeln.
"Ich bin Claudia", sagte Claudia. Und so haben wir uns kennen gelernt. ... "Und, was sagst du?"
"Naja, es ist ein Loch." Claudia schien irgendwie nicht besonders beeindruckt zu sein.
"Ja. Ein Loch."
"Warum untertunnelt ihr die Laube?"
"War Nobbes Idee. Wenn du mich fragst, ist es absoluter Quatsch."
"Und was macht ihr mit diesem Loch?"
"Wir... naja, wir... Nobbe, erklärs ihr."
"Findest du echt, wir sollten sie einweihen?", fragte er. "Ich meine, sie hat keine Ahnung und außerdem ist sie ne Frau."
"Nicht alle Frauen sind wie Sabine." Nobbe hatte einmal eine Frau gehabt. Nettes Mädel eigentlich, nur leider so gar nicht seine Kragenweite. Während wir geschlechtsmäßig irgendwo in der Kreisliga rumkrebsten, war Sabine auf dem Sprung in die Championsleague gewesen. Hatte nicht gut gehen können, war nicht gut gegangen. "Komm, jetzt sags ihr."
"Okay... aber nur, weil du es bist." Er erklärte es ihr. Claudia nickte. Keine Fragen, keine dummen Sprüche, keine irritierten Blicke. Ich glaube, sie hat es einfach verstanden. Solls ja geben sowas. Später an diesem Abend hatte Gott dann die Idee, ein paar neue Spezies zu kreieren. Hauptsächlich Spinnen und kleine fliegende Insekten sollten es sein. Mit vielen Beinen und Stacheln. Ich glaube, es lag am übermäßigen Malzbierkonsum - das brachte ihn immer in Stachelstimmung.
"Ich helf dir", sagte Nobbe, folgte Gott in dessen improvisierte Werkstatt hinter dem Haus und ließ mich mit Claudia allein. Zyklopenhannes hatte sich schon vor Stunden in seinen lecker umbrafarbenen Schlafsack gekuschelt und sägte vor der Schwelle der untertunnelten Laube eine Traumeiche.
"Weißt du, wie viele es sind?" Claudia nippte an ihrem Bier und sah nachdenklich Richtung Nachthimmel.
"Sterne? Ja, das weiß ich zufällig wirklich."
"Verarsch mich nicht."
"Tu ich nicht, ich weiß es echt. Und wenn du mir versprichst, dir nicht den Kopf wegzublasen, sag ichs dir. Deal?"
"Deal." Sie grinste. "Siehst du den einen da, der aussieht wie ein Popel?"
"Ja. Witzig, oder?" An anderer Stelle herrschte zu diesem Zeitpunkt etwas weniger Eintracht. Es war nicht direkt ein Streit - eher ein Ausbruch jenes wohldosierten und gesunden gegenseitigen Hasses, den jede echte Freundschaft wohl braucht.
"Jetzt halt doch mal den Sabbel!"
"Tut mir Leid, ich wollte nur helfen."
"Helfen? Alter, du hast das Ding da rein gesteckt. Guck dir den Scheiß doch mal an, das kann doch gar nicht gehen! Total unpraktisch."
"Ach ja? Wie würdest du das denn machen?" Gott zeigte es ihm. "Ach so... ja, das macht natürlich Sinn."
"Siehste? Ich fummel immerhin seit Ewigkeiten an sowas rum. Wenn ich von einer Sache Ahnung hab, dann davon."
"Ja, schon..." Nobbe war skeptisch. "Aber sieht das nicht irgendwie ziemlich konventionell aus? Ich meine, warum nicht mal was Neues probieren?"
"Weißt du, was passiert ist, als ich das letzte Mal was Neues probieren wollte? Sintflut."
"Ach was."
"Nee, echt. Ist ne lange Geschichte, vielleicht erzähl ich sie dir irgendwann. Und jetzt gib mir mal die Fliegenbeine."
"Wie viele brauchst du?"
"Wie viele sind noch da?"
"Sieben."
"Gib mir alle... vielleicht probier ich doch mal was Neues." ... Claudia hat sich den Kopf nicht weggeblasen. Nicht an diesem Abend und auch sonst nicht. Gute Entscheidung, fand ich.
Stattdessen half sie uns, wo sie konnte, schmierte Schnittchen, kochte Tee und erklärte dem netten Herrn von der Stadtverwaltung, wo die ganzen Schuttberge im Tümpel hinter unserem Schrebergarten herkamen, wobei sie sämtliche Register ihres weiblichen Charmes zog. Und, Scheiße noch eins, davon hatte sie jede Menge.
Naja, und dann war der Sommer plötzlich zu Ende. Keine Ahnung, wie viele Wochen oder Monate da vergangen sind - wir waren so mit Buddeln beschäftigt, dass wir irgendwie nie auf die Uhr gesehen haben. Doch, einmal... das war so gegen zehn.
"Fertig", sagte Nobbe irgendwann. Unsere Höhle hatte inzwischen gewaltige Ausmaße angenommen, war etwa vier Stockwerke tief und untertunnelte nicht nur die Laube, sondern mittlerweile den gesamten Garten. Wir hatten lediglich eine dünne Erdschicht als Decke gelassen, die gerade dick genug war, damit das Ding uns nicht einstürzte.
"Wie jetzt?"
"Ja, fertig."
"Es ist immer noch ein Loch."
"Nein, es ist kein Loch mehr. Jetzt ist es ein Projekt."
"Es sieht genauso aus wie gestern. Nur die eine Ecke hier ist was tiefer."
"Genau. Kommt, Leute, das wird gefeiert."
"Gute Idee", sagte Gott. "Ich hab so Hunger, dass ich vor lauter Durst gar nicht weiß, was ich rauchen soll, so müde bin ich!"
"Und ich... ja, genau... gehen wir."
Greift zu hatte Hannes geschrieben. Er war für diesen Tag unser Natural Born Griller gewesen und hatte es irgendwie fertig gebracht, drei Schinkengriller auf eine derart grazile Art durch den Rost in die Kohlen fallen zu lassen, dass man - wenn jemand nachgemessen hätte - ein perfekt gleichschenkliges Dreieck vorgefunden hätte. Hat aber niemand nachgemessen.
"Also, was machen wir jetzt mit dem Loch?", fragte Gott.
"Hab ich euch doch damals schon gesagt. Jetzt kommt Phase zwei."
"Ey, denkst du echt, ich hab dir damals zugehört? Komm, erklär noch mal." Nobbe seufzte, stellte sein Bier auf den Boden und erklärte es. Den ganzen Plan, von A bis Z. Im Laufe der letzten Monate hatte er viel Zeit gehabt, die Details auszuarbeiten und so dauerte dieses Briefing um einiges länger als das damals auf dem Garagendach. Sogar die Farbgebung (schickes Türkis) hatte er bedacht, ebenso wie die Logistik und den Plan zur Geheimhaltung der Operation vor den Obmännern des Kleingartenvereins. "Naja, und zum Schluss pinseln wir die ganze Scheiße noch schick türkis an."
"Sagt mal... hat einer von euch zufällig ein Geodreieck dabei?" Claudia hatte nicht zugehört, sie hatte den Plan als einzige noch im Kopf gehabt, sondern beäugte nachdenklich den Grill. "Also, nicht dass es wichtig wäre oder so, aber diese Würstchen da in der Kohle sehen aus, als ob..."
"Nicht nötig, es stimmt", sagte Gott.
"Geil." ... Über die Frage, wie viele türkise Farbeimer man auf dem vergammelten Fahrrad seiner Mutter (altes importiertes DDR-Model ohne Lack oder Gepäckträger - von nem Korb ganz zu schweigen) transportieren kann, hatte ich nie wirklich nachgedacht. Nicht, dass es mich irgendwie interessiert hätte, aber irgendwie war es dennoch eine nette Erfahrung, auf diese Frage von diesem Tag an eine Antwort zu haben: Sieben.
Hätte ich auch noch an Pinsel und leere Marmeladengläser gedacht - nichts eignet sich schließlich besser zum Weichmachen der widerspenstigen Borsten, als ein Bad in kaltem Wasser, dargereicht in einem alten Marmeladenglas (die billige von Tip mit Erdbeer) - hätte ich vermutlich weniger Farbe mitgekriegt, dafür aber auch nur einmal fahren müssen. Dass ich dann noch ein drittes Mal fahren musste, lag nicht daran, dass ich die Lammfellrollen vergessen hatte, sondern war ein Produkt meines Durstes in Zusammenspiel mit der ostentativen Leere des Kühlschranks. Die Lammfellrollen hatte ich natürlich trotzdem vergessen, das war dann Fahrt Nummer vier. Fahrt Nummer sechs war dann nur nötig, weil ich auf der fünften, deren Sinn mir im Nachhinein selbst nicht mehr klar ist, unterwegs die Luftpumpe verloren hatte.
"Du hast weises Werk getan, mein Bruder." Scheiße, Gott war wieder nüchtern. "Mögen deine Muskeln momentan von Selbsthass zerfressen sein, so wird dein Herz sich von der Macht der Liebe nähren, bis..."
"Hier, ich hab Bier dabei."
"Lass wachsen."
"Weißt du, was ich mir überlegt hab?"
"Nein. Ich meine, klar weiß ich das..." Scheinbar hatte er aus älteren Diskussionen über seine Allwissenheit gelernt. "Aber... naja..."
"Schon klar. Also, ich hab mir überlegt, warum wir nicht einfach die Dosen da hinstellen und sprengen. Dann müsste die Farbe doch überall hin spritzen und wir bräuchten nicht..."
"Soll ich dir mal was sagen?"
"Bitte."
"Manchmal frag ich mich echt, ob Nobbe nicht irgendwie doch abfärbt."
"Doofe Idee?"
"Verdammt doofe Idee."
"Okay, tut mir Leid. Nochn Bier?"
"Ey, du hast mir das letzte doch erst vor zwei Minuten... klar, gib her."
Dieses komische Sprichwort von wegen wenn man vom Teufel spricht und so... naja, das stimmt. Nobbe bog schwitzend um die Ecke der Laube und schien ziemlich sauer zu sein. Er stank. Anders als sonst.
"Hör mal, ich hab ja nichts dagegen, wenn du hier hinterm Haus deine Viecher bastelst..."
"Viecher? Das, das ist die Schöpfung, Mann! Du bist ein verkackter Ignorant."
"Von mir aus. Wie gesagt, ist ja okay. Ich meine, ist toll, dass du deinen Job nicht aus den Augen verlierst, weißt du. Nee echt, find ich gut. Aber wenn deine Vie... deine Schöpfung mir den Garten vollkackt, dann ist Schluss. Mein Vater hats böse am Herzen."
"Tut mir Leid, mir war halt nach Kuh."
"Kühe hast du schon gemacht", unterbrach ich. "Ziemlich viele sogar."
"Davon kann man nie genug haben."
"Na, ist auch egal, aber heute Abend sind die jedenfalls weg. Klar? Meine Eltern kriegen sonst Pickel."
"Oh, das wäre dumm. Klar, heute Abend sind sie weg." "Wo bringst du sie hin?", fragte ich Gott, nachdem Nobbe sich glücklich lächelnd mit den Farbeimern an den Abstieg ins Loch machte. Sah ziemlich witzig aus, wie er versuchte, den ganzen Kram auf einmal runterzuwuchten, ohne seine Würde oder das Gleichgewicht auf der Leiter zu verlieren.
"Irgendein Platz findet sich immer. Notfalls mach ich Zuckerwatte drum und verklopp sie als Schafe nach Australien."
"Du bist ein komischer Gott."
"Findest du? Verglichen womit?"
"Naja, ich dachte irgendwie immer, Gott würde seine Schöpfung lieben und so. Und dann... naja, dann hab ich dich kennen gelernt."
"Ja, das war ne coole Aktion gewesen damals. Weißt du noch, wie ich damals strammvoll vom Spargelessen bei euch in den Garten gefallen bin und euch in die Bowle gekotzt hab?"
"Siehst du, genau das mein ich. Du bist total... Ich meine, also, was ich sagen will..."
"Du willst wissen, warum ich es zulassen konnte, dass Claudia sich umbringen wollte?"
"Hast du wieder in meinem Kopf rumgespukt?"
"Du weißt, dass ich das nicht mache. Ich hab Angst vor weiten Räumen."
"Arsch. Aber du hast Recht, das meinte ich."
"Hab ich dir doch schon so oft erklärt. Alter, es ist einfach nicht mein Job, Menschen von ihrem Scheiß abzuhalten. Übrigens hat Claudia sich ja nicht umgebracht."
"Weil ich sie zufällig gefunden hab."
"Ja... zufällig." ... Weihnachten war toll.
Wir setzten uns um den Plastikbaum ins Loch, futterten Schokokekse mit Schlagsahne, nahmen den ein oder anderen kalten Glühpunsch und beschenkten uns reich. Nicht gegenseitig, das wäre irgendwie affig gewesen. Stattdessen hatten wir alle zusammengeschmissen und waren dann gemeinsam losgezogen, um uns irgendwas zu kaufen.
Hannes bekam einen neuen Schwamm für seine Tafel und ein Monokel (nicht, dass er es gebraucht hätte, aber er war der Meinung, es würde ihn älter machen), Gott die neue Platte von Sodom, ich ne neue Kette für das Rad meiner Mutter und Nobbe bekam drei Wäscheklammern, sieben Paar Achtzehnlochsocken und das Gartentor von Claudia. Er hat fast geheult. Claudia schenkten wir einen Hund. Einen echten mit Knopfaugen und wedelndem Schwanz.
"Wollt ihr was total Abgefahrenes hören?", begann Nobbe etwas später am Abend kekskrümelspuckend. "Ich hab nen neuen Job." "Ach guck... Kein Scheiß? Was machste denn?"
"Naja, ich bin doch jetzt sowas wie Profi und da... naja, die haben mich beim Baumarkt als Verkäufer eingestellt. Wo ich doch eh die meiste Zeit da war und so."
"Nobbe, das ist toll", sagte Gott.
"Jo", nickten Claudia und ich.
"Geile Sache! Prost", sagte Zyklopenhannes. Ja, hat uns damals auch gewundert. ... Das Projekt haben wir nicht beendet. Ich glaube, irgendwann haben Nobbes Eltern den Garten einfach wieder abgegeben. Richtig gekümmert hatte es uns nicht, es hat seinen Zweck erfüllt.
Irgendwann im Frühling gab mir Claudia dann einen Kuss. Nicht den ersten, nicht den letzten. Wir saßen auf der Wiese vor der gammeligen Laube und sahen in den Sternenhimmel.
"Du hast mir nie gesagt, wie viele es sind."
"Du hast mich nie gefragt."
"Und wenn ich dich jetzt fragen würde?"
"Naja... wenn ich es dir sage, musst du dir den Kopf wegblasen. Das war der Deal, weißt du noch?"
"Ich glaube, den können wir inzwischen vergessen, oder?"
"Deal ist Deal, mit sowas spaßt man nicht. Und ich wills nicht drauf ankommen lassen. Übrigens hast du mir nie erzählt, warum du damals... naja..."
"Stimmt. Habe ich nicht. Spielt das eine Rolle?"
"Nein. Nein, ich glaube nicht." Es spielte wirklich keine Rolle.