
humor
Der Tag, an dem die Schafe vom Himmel fielen
(c) 2004 gnoebel
"Es geht doch nichts über ein gutes Bier... außer einem noch besseren Bier vielleicht."
"Prost", stimmte ich zu und widmete meine Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher. Einmal die Woche trafen wir uns in Kurts bescheidener Hütte - er hatte das Haus von seiner Großmutter geerbt - und veranstalteten einen Herrenabend mit Bier, Kartoffelchips und Videos. Und wie immer, wenn mein bester und eigentlich einziger Kumpel an der Reihe war den Film auszuwählen, ging es auch diesmal thematisch wieder um die kunstvolle Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen am Beispiel der temporal limitierten Periode zwischen postmodernen Eroberungszyklen und maximal intensivierten Gefühlsregungen vor dem Kontext einer neoromantischen Konterkarierung des emanzipierten westlichen Frauenbildes.
"Das würde ich auch gerne mal machen."
"Das da?", fragte Kurt ungläubig. "Zu solchen akrobatischen Kunststückchen bist du doch rein physisch gar nicht fähig, mein Freund. Denk an deinen schlimmen Rücken. Weißt du noch, wie ich damals umgezogen bin und du mir nicht beim Schleppen helfen konntest?"
"Ja... äh... du hast Recht. Nun... also, da hatte ich es auch wirklich schlimm im Rücken... ja, ganz schlimm war das. Aber ich meine, man muß es ja nicht gleich so übertreiben mit den Verrenkungen." Ich deutete auf den Bildschirm, wo dem geneigten Zuschauer soeben eine etwas gewagte Mischung aus Huckepack und Synchronturnen präsentiert wurde.
"Und selbst wenn du rein körperlich so etwas zu tun imstande wärst, würde die Unternehmung am Fehlen eines Konterparts scheitern. Und bevor du fragst, ich komme dazu bei aller gegebenen Freundschaft nicht in Frage."
"Das würde ich gerade aufgrund der gegebenen Freundschaft auch niemals von dir verlangen."
"Das ist ein Wort, darauf stoßen wir an. Prost."
"Trotzdem", beharrte ich, "würde ich das auch gerne mal machen."
"Du sprichst jetzt von der Tatsache an sich?"
"Ja, genau. Von der Tatsache an sich. Ich habe keine Lust mehr, in dieser miefigen Kemenate zu sitzen und mir mit dir schmutzige Filme anzuseh..."
"Na, erlaube mal! Das ist hochanspruchsvolle Darstellungskunst, deren werkimmanente Dramaturgie ihresgleichen sucht."
"Wie auch immer. Auf jeden Fall werde ich mich jetzt aus deinem stinkenden Sessel erheben, die Tür öffnen und hinaustreten aus dieser Monotonie. Ich werde nicht länger tatenlos zusehen, wie die Welt um mich herum sich weiterdreht, während ich meinen Körper dem sinnleeren Stillstand anvertraue. Jetzt sofort werde ich mich ändern und mir jemanden suchen, mit dem ich so etwas machen kann." Voller Tatendrang erhob ich mich aus dem Sessel, wischte mir ein paar Chipskrümel vom Hemd, trat zur Tür und wurde Zeuge, wie Wolfgang Beier, Kurts Nachbar und langjähriger Briefschachgegner, von einem vom Himmel fallenden Schaf erschlagen wurde. ... Ja, sie fielen.
Es war uns ein Rätsel, wie die ganzen Schafe da hochgekommen waren und was sie jetzt dazu bewegte, ausgerechnet über unserer schönen Stadt vom Himmel zu fallen, aber fest stand, daß etwa alle zwei Minuten eines dieser wiederkäuenden Wolltiere auf dem Boden landete. Nicht ganz so aufregend, aber bei näherer Betrachtung nicht minder erstaunlich war die Tatsache, daß sie dabei nicht die für Schafe übliche Plumpheit an den Tag legten, sondern mit katzengleicher Agilität immer auf den Hufen landeten. Tatsächlich überstand jedes einzelne der Tiere den Sturz klaglos. Im Gegensatz zu den Menschen und Tieren am Boden, auf denen sie zum Teil landeten.
"Glaubst du, daß die Schafe vielleicht ein Zeichen sind?"
"Wofür denn? Nieder mit Polyester?" Kurt hatte die letzten drei Tage damit verbracht, in seinem Sessel zu lümmeln und nur aufzustehen, um ab und an eine Pizza in den Ofen oder seinen Hintern auf die Kloschüssel zu schieben. Wir hatten uns seit Beginn der Plage nicht aus dem Haus gewagt - aus Angst, ein ebensolches Schicksal wie Kurts Nachbar zu erleiden.
"Nein", sagte ich. "Aber sieh mal: Als Gott damals unzufrieden mit den Menschen war, was hat er da gemacht?"
"Geschmollt und den ganzen Laden geflutet."
"Das auch, aber das meine ich nicht. Er hat dem Menschen Plagen beschert, indem er Tiere vom Himmel hat fallen lassen. Hauptsächlich Frösche und Heuschrecken."
"Für einen zart gedämpften Froschschenkel könnte ich mich ja noch erwärmen, aber Heuschrecken finde ich generell eher uncharmant."
"Ja, aber siehst du denn den Zusammenhang nicht?"
"Du meinst, Gott haßt uns?"
"Ja... naja, uns beide vielleicht nicht, denn wer könnte uns schon hassen, aber den alten Beier vielleicht."
"Was ich allerdings nur schwerlich nachvollziehen könnte. Er hatte zwar die unangenehme Eigenart, beim kleinsten Ansatz von Gefahr in die Rocharde zu gehen, aber sonst war er doch eigentlich ganz nett."
"Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne den Mann nur flüchtig vom... sag mal, hast du den Film jetzt nicht langsam oft genug gesehen? An diese Szene da kann ich mich zum Beispiel genau erinnern."
"Ich hab nur den einen im Haus, weil du dich ja nicht in die Videothek traust."
"Also, ich fände es zutiefst langweilig, einen Film zum zehnten Mal zu sehen. Irgendwann weiß man doch, was kommt. Wollen wir nicht lieber Scrabble spielen oder so?"
Wir spielten Scrabble und ich verlor. ... Nach einer Woche ging uns langsam das Bier aus. Früher hatte ich Kurt immer ausgelacht, weil er in seinem Keller genügend Bier, Chips und Krokanthörnchen gebunkert hatte, um wie er sagte mindestens drei Weltkriege am Stück zu überleben, aber mittlerweile bewunderte ich ihn für seine Weitsicht. Ein Gefühl, welches angesichts der nun drohenden Notlage langsam einer leichten Verachtung gegenüber seines unermeßlichen Geizes wich. Ich meine, jeder weiß doch, daß Weltkriege meistens länger als zwei Tage dauern.
"Jeder weiß doch, daß Weltkriege normalerweise länger dauern."
"Ja, da habe ich mich wohl in der Tat verspekuliert. Mal beißen?" Kurt hielt mir ein Stück angebissener Muschelpizza vor die Nase und ich lehnte dankend ab. "Sag mal", nuschelte er mit vollem Mund, "wer von uns beiden geht denn nachher schnell zur Bude, um Nachschub zu holen?"
"Ich würde ja gerne, aber du weißt, ich habe es schlimm am Rücken."
"Wenn du gehst, kannst du auch gleich bei der Videothek vorbeischauen und den Film zurückbringen. Ich glaube, die Gebühr wird langsam echt teuer... Schreckschrauben? Wer macht denn sowas?" Er deutete auf das Scrabblebrett, auf dem ich soeben spielerisch tätig geworden war.
"Das sind alte Frauen, die... ist ja auch egal, aber warum soll ich gehen?"
"Du hast die geringere Oberfläche und damit besteht eine deutlich kleinere Wahrscheinlichkeit getroffen zu werden, als es bei mir der Fall wäre."
"Ich glaube nicht, daß die Schafe zielen."
"Darum sprach ich auch von Warscheinlichkeit, mein Freund. Prost."
"Prost", erwiderte ich automatisch. "Oh, noch ein Schaf."
"Ja." Kurt sah gar nicht mehr hin. "Wie lange seit dem letzten?"
"Zwei Minuten."
"Oho... Sechzig Minuten durch zwei Minuten mal vierundzwanzig Stunden mal sieben Tage macht... knapp fünftausend Schafe."
"Ich denke, es sind mehr."
"Was treibt dich zu dieser wagemutigen Anzweifelung meiner Rechnung?"
"Reines Bauchgefühl... oh, noch eines." Wenig später trat ich mit einem äußerst mulmigen Gefühl in der Magengegend auf die Straße. Zuvor hatte ich mir aus Alufolie einen notdürftigen Sturzhelm gebastelt, der zwar keinerlei Schutzfunktion erfüllte, aber wenigstens eine Art Placeboeffekt darstellte. Unter dem Arm hielt ich die in eine Plastiktüte gewickelte Videokasette und so bahnte ich mir meinen Weg durch die Wolltiere.
Die Straße sah aus wie ein Schlachtfeld. Die Tiere hatten es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, jeden verfügbaren Quadratmeter mit Materie zu füllen und arbeiteten erstaunlich effizient am Erreichen dieses Plansolls. Der Vorgarten von Wolfgang Beier, einst ein Hort duftig blühender Rosen und Narzissen, war inzwischen nicht mehr, als ein Kartoffelacker ohne jegliches Anzeichen von Leben. Der Besitzer des Vorgartens lag in einer grotesken Pose in seinem ehemaligen Thymianbeet und wurde langsam aber sicher unter die Erde geschachert.
Wohin ich auch sah, überall standen Schafe um mich herum und blökten sich die Lungen aus den wolligen Leibern. Es waren tatsächlich mehr als fünftausend Stück, da die Intervalle ihres Eintreffens weitaus geringer waren, als Kurt und ich angenommen hatten - immerhin hatten wir unsere Rechnung auf das eingeschränkte Sichtfeld aus Kurts Fenster aufbauen müssen.
In Wirklichkeit, so schätzte ich nun, fielen pro Minute etwa zwei Tiere vom Himmel. Manchmal landete eines auf einem Haus und brach durch das Dach ein, manchmal fiel eines auf einen Baum und blieb in plötzlicher Ermangelung jeglichen Vertrauens in die Schwerkraft oben sitzen. Aber meistens landeten sie wohlsortiert auf der Straße oder in den Gärten, was auf mich irgendwie den Eindruck einer von langer Hand geplanten Aktion machte. "Schöner Tag heute", sagte ich, nachdem ich die Videothek betreten hatte. "Ich meine, mal abgesehen davon, daß es hier deutlich mehr Schafe gibt als normalerweise."
"Ja, da haben Sie recht. Was kann ich denn für Sie tun?"
"Ich würde gerne den Film hier zurückgeben."
"Ui, der ist aber überfällig." Der Mann hinter dem Tresen warf einen Blick auf den Monitor seines Computers.
"Ja, man traut sich ja in diesen Zeiten kaum noch vor die Tür."
"Na gut, da will ich mal ein Auge zudrücken. Möchten Sie denn was neues ausleihen?"
"Ach, ich weiß nicht. Haben Sie vielleicht... was war das?"
"Scheiße! Eines dieser Viecher ist ins Lager gefallen." ... "Weißt du was? Ich glaube, wir bräuchten hier mal ein paar Dingos." Ich nickte und betrat Kurts Wohnzimmer. "Nur eine Kiste? Das reicht doch nie", meckerte er.
"Du weißt doch, daß ich es im Rücken habe. Außerdem ist es sowieso egal, wieviel Bier wir hier haben, da es niemals lange genug reichen wird. Irgendwann wird wieder einer von uns gehen müssen. Aber sieh mal, was ich hier habe." Triumphierend holte ich die Tüte hinter meinem Rücken hervor.
"Was ist das? Kekse?"
"Videos. Dreizehn Kassetten, um genau zu sein. Das sollte eine Weile reichen."
"Dreizehn? Wer soll das denn bezahlen?"
"Die hab ich umsonst bekommen. Da gibt es nur einen kleinen Haken." Ich holte das Knäuel aus der Tüte und legte es behutsam auf den Tisch.
"Da sind ja überall die Bänder rausgezogen. Und alles verknotet... Also, dich schicke ich nie wieder alleine los."
"Mecker nicht, sondern hilf mir. Ich brauche eine Schere und Tesafilm." ... Irgendwann begannen die Schafe, aufeinander zu fallen. Die Tür war schon längst blockiert und so waren Kurt und ich mit der Zeit dazu übergegangen, das Haus bei unseren abwechselnden Botengängen durch das Fenster zu verlassen. Das ständige Blöken brachte uns beinahe zum Wahnsinn, aber es war erstaunlich, wie normal das Leben dennoch weiterging. Ab und an verlor mal jemand den Halt beim Balancieren über die Schafe und manchmal wurde auch jemand erschlagen, aber ansonsten hätte man meinen können, alles würde seinen gewohnten Gang gehen.
Richtig unschön war es erst geworden, als die Tiere anfingen, die Haustüren und Fenster einzudrücken und somit auch die Innenräume der Häuser einzunehmen. Kurt und ich lösten das Problem, inder er kurzerhand den Fernseher, das Bier und unsere beiden Sessel auf das Flachdach seines Hauses schleppte - ich hatte es, wie bereits erwähnt, böse im Rücken - und wir fortan dort oben weiterlebten. Die Aussicht war ganz okay und gegen das Blöken schützten wir uns durch selbstgebastelte Ohrenstöpsel. Mal sehen, was passiert, wenn die Schafe das Dach erreichen...
"Prost", stimmte ich zu und widmete meine Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher. Einmal die Woche trafen wir uns in Kurts bescheidener Hütte - er hatte das Haus von seiner Großmutter geerbt - und veranstalteten einen Herrenabend mit Bier, Kartoffelchips und Videos. Und wie immer, wenn mein bester und eigentlich einziger Kumpel an der Reihe war den Film auszuwählen, ging es auch diesmal thematisch wieder um die kunstvolle Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen am Beispiel der temporal limitierten Periode zwischen postmodernen Eroberungszyklen und maximal intensivierten Gefühlsregungen vor dem Kontext einer neoromantischen Konterkarierung des emanzipierten westlichen Frauenbildes.
"Das würde ich auch gerne mal machen."
"Das da?", fragte Kurt ungläubig. "Zu solchen akrobatischen Kunststückchen bist du doch rein physisch gar nicht fähig, mein Freund. Denk an deinen schlimmen Rücken. Weißt du noch, wie ich damals umgezogen bin und du mir nicht beim Schleppen helfen konntest?"
"Ja... äh... du hast Recht. Nun... also, da hatte ich es auch wirklich schlimm im Rücken... ja, ganz schlimm war das. Aber ich meine, man muß es ja nicht gleich so übertreiben mit den Verrenkungen." Ich deutete auf den Bildschirm, wo dem geneigten Zuschauer soeben eine etwas gewagte Mischung aus Huckepack und Synchronturnen präsentiert wurde.
"Und selbst wenn du rein körperlich so etwas zu tun imstande wärst, würde die Unternehmung am Fehlen eines Konterparts scheitern. Und bevor du fragst, ich komme dazu bei aller gegebenen Freundschaft nicht in Frage."
"Das würde ich gerade aufgrund der gegebenen Freundschaft auch niemals von dir verlangen."
"Das ist ein Wort, darauf stoßen wir an. Prost."
"Trotzdem", beharrte ich, "würde ich das auch gerne mal machen."
"Du sprichst jetzt von der Tatsache an sich?"
"Ja, genau. Von der Tatsache an sich. Ich habe keine Lust mehr, in dieser miefigen Kemenate zu sitzen und mir mit dir schmutzige Filme anzuseh..."
"Na, erlaube mal! Das ist hochanspruchsvolle Darstellungskunst, deren werkimmanente Dramaturgie ihresgleichen sucht."
"Wie auch immer. Auf jeden Fall werde ich mich jetzt aus deinem stinkenden Sessel erheben, die Tür öffnen und hinaustreten aus dieser Monotonie. Ich werde nicht länger tatenlos zusehen, wie die Welt um mich herum sich weiterdreht, während ich meinen Körper dem sinnleeren Stillstand anvertraue. Jetzt sofort werde ich mich ändern und mir jemanden suchen, mit dem ich so etwas machen kann." Voller Tatendrang erhob ich mich aus dem Sessel, wischte mir ein paar Chipskrümel vom Hemd, trat zur Tür und wurde Zeuge, wie Wolfgang Beier, Kurts Nachbar und langjähriger Briefschachgegner, von einem vom Himmel fallenden Schaf erschlagen wurde. ... Ja, sie fielen.
Es war uns ein Rätsel, wie die ganzen Schafe da hochgekommen waren und was sie jetzt dazu bewegte, ausgerechnet über unserer schönen Stadt vom Himmel zu fallen, aber fest stand, daß etwa alle zwei Minuten eines dieser wiederkäuenden Wolltiere auf dem Boden landete. Nicht ganz so aufregend, aber bei näherer Betrachtung nicht minder erstaunlich war die Tatsache, daß sie dabei nicht die für Schafe übliche Plumpheit an den Tag legten, sondern mit katzengleicher Agilität immer auf den Hufen landeten. Tatsächlich überstand jedes einzelne der Tiere den Sturz klaglos. Im Gegensatz zu den Menschen und Tieren am Boden, auf denen sie zum Teil landeten.
"Glaubst du, daß die Schafe vielleicht ein Zeichen sind?"
"Wofür denn? Nieder mit Polyester?" Kurt hatte die letzten drei Tage damit verbracht, in seinem Sessel zu lümmeln und nur aufzustehen, um ab und an eine Pizza in den Ofen oder seinen Hintern auf die Kloschüssel zu schieben. Wir hatten uns seit Beginn der Plage nicht aus dem Haus gewagt - aus Angst, ein ebensolches Schicksal wie Kurts Nachbar zu erleiden.
"Nein", sagte ich. "Aber sieh mal: Als Gott damals unzufrieden mit den Menschen war, was hat er da gemacht?"
"Geschmollt und den ganzen Laden geflutet."
"Das auch, aber das meine ich nicht. Er hat dem Menschen Plagen beschert, indem er Tiere vom Himmel hat fallen lassen. Hauptsächlich Frösche und Heuschrecken."
"Für einen zart gedämpften Froschschenkel könnte ich mich ja noch erwärmen, aber Heuschrecken finde ich generell eher uncharmant."
"Ja, aber siehst du denn den Zusammenhang nicht?"
"Du meinst, Gott haßt uns?"
"Ja... naja, uns beide vielleicht nicht, denn wer könnte uns schon hassen, aber den alten Beier vielleicht."
"Was ich allerdings nur schwerlich nachvollziehen könnte. Er hatte zwar die unangenehme Eigenart, beim kleinsten Ansatz von Gefahr in die Rocharde zu gehen, aber sonst war er doch eigentlich ganz nett."
"Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne den Mann nur flüchtig vom... sag mal, hast du den Film jetzt nicht langsam oft genug gesehen? An diese Szene da kann ich mich zum Beispiel genau erinnern."
"Ich hab nur den einen im Haus, weil du dich ja nicht in die Videothek traust."
"Also, ich fände es zutiefst langweilig, einen Film zum zehnten Mal zu sehen. Irgendwann weiß man doch, was kommt. Wollen wir nicht lieber Scrabble spielen oder so?"
Wir spielten Scrabble und ich verlor. ... Nach einer Woche ging uns langsam das Bier aus. Früher hatte ich Kurt immer ausgelacht, weil er in seinem Keller genügend Bier, Chips und Krokanthörnchen gebunkert hatte, um wie er sagte mindestens drei Weltkriege am Stück zu überleben, aber mittlerweile bewunderte ich ihn für seine Weitsicht. Ein Gefühl, welches angesichts der nun drohenden Notlage langsam einer leichten Verachtung gegenüber seines unermeßlichen Geizes wich. Ich meine, jeder weiß doch, daß Weltkriege meistens länger als zwei Tage dauern.
"Jeder weiß doch, daß Weltkriege normalerweise länger dauern."
"Ja, da habe ich mich wohl in der Tat verspekuliert. Mal beißen?" Kurt hielt mir ein Stück angebissener Muschelpizza vor die Nase und ich lehnte dankend ab. "Sag mal", nuschelte er mit vollem Mund, "wer von uns beiden geht denn nachher schnell zur Bude, um Nachschub zu holen?"
"Ich würde ja gerne, aber du weißt, ich habe es schlimm am Rücken."
"Wenn du gehst, kannst du auch gleich bei der Videothek vorbeischauen und den Film zurückbringen. Ich glaube, die Gebühr wird langsam echt teuer... Schreckschrauben? Wer macht denn sowas?" Er deutete auf das Scrabblebrett, auf dem ich soeben spielerisch tätig geworden war.
"Das sind alte Frauen, die... ist ja auch egal, aber warum soll ich gehen?"
"Du hast die geringere Oberfläche und damit besteht eine deutlich kleinere Wahrscheinlichkeit getroffen zu werden, als es bei mir der Fall wäre."
"Ich glaube nicht, daß die Schafe zielen."
"Darum sprach ich auch von Warscheinlichkeit, mein Freund. Prost."
"Prost", erwiderte ich automatisch. "Oh, noch ein Schaf."
"Ja." Kurt sah gar nicht mehr hin. "Wie lange seit dem letzten?"
"Zwei Minuten."
"Oho... Sechzig Minuten durch zwei Minuten mal vierundzwanzig Stunden mal sieben Tage macht... knapp fünftausend Schafe."
"Ich denke, es sind mehr."
"Was treibt dich zu dieser wagemutigen Anzweifelung meiner Rechnung?"
"Reines Bauchgefühl... oh, noch eines." Wenig später trat ich mit einem äußerst mulmigen Gefühl in der Magengegend auf die Straße. Zuvor hatte ich mir aus Alufolie einen notdürftigen Sturzhelm gebastelt, der zwar keinerlei Schutzfunktion erfüllte, aber wenigstens eine Art Placeboeffekt darstellte. Unter dem Arm hielt ich die in eine Plastiktüte gewickelte Videokasette und so bahnte ich mir meinen Weg durch die Wolltiere.
Die Straße sah aus wie ein Schlachtfeld. Die Tiere hatten es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, jeden verfügbaren Quadratmeter mit Materie zu füllen und arbeiteten erstaunlich effizient am Erreichen dieses Plansolls. Der Vorgarten von Wolfgang Beier, einst ein Hort duftig blühender Rosen und Narzissen, war inzwischen nicht mehr, als ein Kartoffelacker ohne jegliches Anzeichen von Leben. Der Besitzer des Vorgartens lag in einer grotesken Pose in seinem ehemaligen Thymianbeet und wurde langsam aber sicher unter die Erde geschachert.
Wohin ich auch sah, überall standen Schafe um mich herum und blökten sich die Lungen aus den wolligen Leibern. Es waren tatsächlich mehr als fünftausend Stück, da die Intervalle ihres Eintreffens weitaus geringer waren, als Kurt und ich angenommen hatten - immerhin hatten wir unsere Rechnung auf das eingeschränkte Sichtfeld aus Kurts Fenster aufbauen müssen.
In Wirklichkeit, so schätzte ich nun, fielen pro Minute etwa zwei Tiere vom Himmel. Manchmal landete eines auf einem Haus und brach durch das Dach ein, manchmal fiel eines auf einen Baum und blieb in plötzlicher Ermangelung jeglichen Vertrauens in die Schwerkraft oben sitzen. Aber meistens landeten sie wohlsortiert auf der Straße oder in den Gärten, was auf mich irgendwie den Eindruck einer von langer Hand geplanten Aktion machte. "Schöner Tag heute", sagte ich, nachdem ich die Videothek betreten hatte. "Ich meine, mal abgesehen davon, daß es hier deutlich mehr Schafe gibt als normalerweise."
"Ja, da haben Sie recht. Was kann ich denn für Sie tun?"
"Ich würde gerne den Film hier zurückgeben."
"Ui, der ist aber überfällig." Der Mann hinter dem Tresen warf einen Blick auf den Monitor seines Computers.
"Ja, man traut sich ja in diesen Zeiten kaum noch vor die Tür."
"Na gut, da will ich mal ein Auge zudrücken. Möchten Sie denn was neues ausleihen?"
"Ach, ich weiß nicht. Haben Sie vielleicht... was war das?"
"Scheiße! Eines dieser Viecher ist ins Lager gefallen." ... "Weißt du was? Ich glaube, wir bräuchten hier mal ein paar Dingos." Ich nickte und betrat Kurts Wohnzimmer. "Nur eine Kiste? Das reicht doch nie", meckerte er.
"Du weißt doch, daß ich es im Rücken habe. Außerdem ist es sowieso egal, wieviel Bier wir hier haben, da es niemals lange genug reichen wird. Irgendwann wird wieder einer von uns gehen müssen. Aber sieh mal, was ich hier habe." Triumphierend holte ich die Tüte hinter meinem Rücken hervor.
"Was ist das? Kekse?"
"Videos. Dreizehn Kassetten, um genau zu sein. Das sollte eine Weile reichen."
"Dreizehn? Wer soll das denn bezahlen?"
"Die hab ich umsonst bekommen. Da gibt es nur einen kleinen Haken." Ich holte das Knäuel aus der Tüte und legte es behutsam auf den Tisch.
"Da sind ja überall die Bänder rausgezogen. Und alles verknotet... Also, dich schicke ich nie wieder alleine los."
"Mecker nicht, sondern hilf mir. Ich brauche eine Schere und Tesafilm." ... Irgendwann begannen die Schafe, aufeinander zu fallen. Die Tür war schon längst blockiert und so waren Kurt und ich mit der Zeit dazu übergegangen, das Haus bei unseren abwechselnden Botengängen durch das Fenster zu verlassen. Das ständige Blöken brachte uns beinahe zum Wahnsinn, aber es war erstaunlich, wie normal das Leben dennoch weiterging. Ab und an verlor mal jemand den Halt beim Balancieren über die Schafe und manchmal wurde auch jemand erschlagen, aber ansonsten hätte man meinen können, alles würde seinen gewohnten Gang gehen.
Richtig unschön war es erst geworden, als die Tiere anfingen, die Haustüren und Fenster einzudrücken und somit auch die Innenräume der Häuser einzunehmen. Kurt und ich lösten das Problem, inder er kurzerhand den Fernseher, das Bier und unsere beiden Sessel auf das Flachdach seines Hauses schleppte - ich hatte es, wie bereits erwähnt, böse im Rücken - und wir fortan dort oben weiterlebten. Die Aussicht war ganz okay und gegen das Blöken schützten wir uns durch selbstgebastelte Ohrenstöpsel. Mal sehen, was passiert, wenn die Schafe das Dach erreichen...