
humor
Wie vier Meter Stacheldraht im Auge
(c) 2005 gnoebel
"Soll ich ehrlich sein?"
"Ja, bitte."
"Ich glaube, das wird in etwa so angenehm, wie vier Meter Stacheldraht im Auge."
"Ach komm, das wird sicher lustig."
"Ich will den Abend aber nicht mit einem verbringen, der seine Unterhosen mit Eigenurin batikt."
"Immerhin ist er originell."
"Er schnitzt komische Figuren aus Karotten."
"Entweder, du gehst heute mit Kurt auf die Piste, oder du kannst dich schon mal mit deiner rechten Hand anfreunden. Die wird dann namlich für die nachsten vier Wochen das einzige sein, was dich davon abhalt, hormonellen Selbstmord zu begehen." Frauen sind wie Atompilze.
Von Weitem wunderschön, vom Nahen bedrohlich und auf lange Sicht höchstwahrscheinlich tödlich - aber letztlich haben sie die besseren Argumente immer auf ihrer Seite. Meine Frau, die ich eigentlich nur zum Spaß so nannte, hörte auf den Namen Jutta und teilte mit Atompilzen zudem noch die Eigenschaft, manchmal ziemlich schnell in die Luft zu gehen. Also hielt ich es für besser, ihrem Wunsch Folge zu leisten, warf mich in mein bestes Ausgeh-T-Shirt, lieh mir von ihr meine Autoschlüssel und machte mich auf den Weg zu Kurt.
Natürlich wusste ich, dass sie mich nur aus dem Haus haben wollte, weil sie mit ihren Freundinnen einen Frauenabend verbringen wollte. Ein wenig Beautyprogramm, haufenweise Schokokekse und irgendein Film mit Brad Pitt auf DVD. Der Dreikampf der modernen Frau. Vielleicht war es also gar nicht so übel, dass sie mich an diesem Abend abschob. Kurt war so was wie das Paralleluniversum eines guten Freundes. Manchmal, da konnte man eine Menge Spaß mit ihm haben - das aber nur, wenn er mindestens drei Bier und zwei Kilo Kartoffelchips intus hatte. Ansonsten ging er einem einfach nur tierisch auf den Senkel.
"Sag mal, was weißt du über das Walsterben?", empfing Kurt mich, als er die Tür öffnete. In der einen Hand hielt er eine Karotte, in der anderen ein hoffentlich nicht allzu scharfes Messer.
"Ich nehme an, sie sterben wie alle anderen auch."
"Ja, aber ich meinte das eher aus einem gesellschaftspolitischen Kontext heraus betrachtet."
"Ach so. Dann weiß ichs nicht."
"Dann will ich es dir erklaren, mein Freund." Das Wort Freund ist ja eigentlich ein nettes. Aus seinem Mund aber klang es wie eine Mischung aus Hannibal Lecter und Mikado gegen meine Oma. Grausam und unertraglich langweilig zugleich. "Der Wal ist in unserer Gesellschaft so eine Art Sinnbild für das Umweltbewusstsein an sich", fuhr Kurt fort.
"Kann ich reinkommen?"
"Gleich. Also, es geht gesellschaftspolitisch nicht nur um einen Wal, sondern um alles. Um die sprichwörtliche Wurst sozusagen."
"Ich hab da auch noch nie so drüber nachgedacht, ehrlich gesagt."
"Wenn irgendwann der letzte Wal tot ist, was ist dann?" Kurt redete sich nun langsam in Rage und lediglich die Tatsache, dass ich immer noch mit einem Fuß auf der Straße stand, gab mir angesichts seines hoffentlich nicht allzu scharfen Messers ein kleines Gefühl von Sicherheit.
"Weltuntergang?", riet ich.
"Fast. Nicht ganz, aber fast. Wenn es namlich irgendwann keine Wale mehr gibt, fehlt den Umweltschützern ihr Symbol. Und ohne Symbol kein Kampf gegen das Establishment. Und ohne Umweltschützer gibt es auch niemanden mehr, der sagen wir mal den Russen daran hindert, seinen Atommüll in die Nordsee zu kippen."
"Also steckt der Wal mit dem Russen unter einer Decke, wenn er stirbt?" Ich hatte einfach das Gefühl, irgendwas sagen zu müssen. Einfach nur, weil Kurt mich so erwartungsvoll ansah.
"Wenn du so willst, ja." Endlich ließ er mich in seine Wohnung. Ich setzte mich auf die mit Frischhaltefolie bespannte Couch, legte meine Füße so bequem es eben ging auf den Glastisch und warf einen prüfenden Blick in Richtung der Karottenskulpturen auf den Regalen an den Wanden. Man konnte über Kurt ja sagen was man wollte, aber vom Karottenschnitzen verstand er offensichtlich eine Menge. Es gab Statuen in allen Formen und Variationen. Mal lang und dick in der Form eines Marschflugkörpers, mal klein und dünn wie eine Füllerpatrone, mal irgendwo dazwischen. Der Anblick dieser Dinger auf dem Regal hatte etwas magisch Phallisches an sich.
"Willst du auch ein Mettbrötchen?", fragte Kurt und verschwand in einem Raum, von dem ich hoffte, dass es die Küche war.
"Nee, danke, ich hatte vorhin Hühnerfrikassee", log ich. "Weißt du, die Jutta, die macht ein ganz ausgezeichnetes..."
"Also, ich mach mir jetzt jedenfalls ein Mettbrötchen."
"Ja, mach das. Ich mach inzwischen Knoten in deine Teppichfransen, wenn du nichts dagegen hast." Natürlich wollte ich nicht wirklich Knoten in seine Teppichfransen machen. Vorerst jedenfalls. Ich hatte das nur gesagt, weil ich davon ablenken wollte, nicht zu wissen, was ich sagen sollte.
"Willst du Zwiebeln drauf haben?"
"Nee, für mich keine Zwiebeln. Und kein Mett. Und wenn du grad dabei bist, auch kein Brötchen bitte."
"Ja, ist gar kein Problem." Wenig spater kam er zurück, in der Hand einen Teller mit zwei Brötchen. "Hier, aber langsam kauen", sagte er.
"Hast du Bier im Haus?"
"Wusstest du, dass Mettbrötchen so was wie der Grundstein unserer Zivilisation sind?"
"Brauchst nicht aufstehen, ich geh selbst. Steht dein Kühlschrank in der Küche?"
"Hinter der Tür. Ich meine, früher, in der Steinzeit, da hat man sein Fleisch noch mit dem Speer gejagt. Und jetzt, ein paar tausend Jahre spater, wickeln wir es in Frischhaltefolie ein und legen es uns aufs Brötchen. Denk mal darüber nach."
"Was?" Ich hatte ihn nicht verstanden, da ich damit beschaftigt war, in seinen Schubladen einen Flaschenöffner zu suchen. Schließlich behalf ich mir mit einem der vielen Einwegfeuerzeuge, die in der Küche rumlagen. Ich glaube, Kurt hat die Dinger gesammelt. Oder hergestellt. Zuzutrauen war ihm beides. "Denk mal drüber nach", wiederholte er bereitwillig.
"Klar. Du hast da Mett am Mund."
"Danke. Isst du dein Brötchen noch?" Irgendwann im Laufe des Abends musste ich an Meerschweinchen denken. Das war in etwa in dem Moment, als Kurt anfing, sich über die unmissverstandliche Sinnlosigkeit des Seins im Kontext einer neoglobalen Konterkarierung von allem zu beschweren. Ich dachte darüber nach, wie es wohl ware, einen Ninjafilm mit Meerschweinchen zu drehen. Vielleicht könnte es eine Szene geben, in der ein weiser Ninjameister seine Schüler in die Geheimnisse des lautlosen Karottenschabens einweiht.
"... Revolution", sagte Kurt gerade und riss mich aus meinen Tagtraumen.
"Ja, warum auch nicht?"
"Weil, und das versuche ich doch, dir seit einer Stunde zu erklaren, die Welt noch nicht dafür bereit ist. Aber irgendwann wird man verstehen, dass es so nicht weitergehen kann."
"Wie?"
"Na so."
"Liegt das am Russen?"
"Nein, der Russe kann da nichts für. Ich glaube, das liegt an der Mentalitat."
"Kann ich noch ein Bier haben?"
"Ich meine, hier wird doch eher weggesehen, als gehandelt. Geh einfach mal auf einen Platz mit vielen Menschen und schrei irgendwas von wegen Der Hund brennt! Der Hund brennt! Da fühlt sich doch keiner angesprochen."
"Vielleicht haben die Leute keine Hunde. Wie isn das mit dem Bier?"
"Ja, aber es geht um Mitgefühl. Um Empathie." Ich wünschte, Kurt hatte genug Empathie gehabt, um meinen sehnlichen Wunsch nach dem Hopfentee in seinem Kühlschrank nachvollziehen zu können. Vielleicht hatte ich ihn nicht so direkt fragen, sondern meine Frage in einen geschickt hinterlistigen Holzhammer kleiden und ihm damit dezent auf den Kopf schlagen sollen.
"Sag mal, was hat eigentlich Empathie mit Bier zu tun?" Ja, eine geschickte Überleitung. Hatte ich irgendwann mal ein Rhetorikseminar besucht, ware der Leiter jetzt sicher stolz auf mich gewesen.
"Nichts. Noch ein Mettbrötchen? Also, ich hatte schon Appetit." Wahrend Kurt aufstand und in die Küche ging, vertrieb ich mir ein paar außerst produktive Sekunden damit, Knoten in seine Teppichfransen zu machen. Ich fand, dieser Akt der puren Aggression hatte etwas Revolutionares an sich. Die Überwindung der allgemeinen Ordnung und Ersetzung derselben durch eine Struktur des absoluten Chaos. Noch im selbem Moment hasste ich mich dafür und strich die Fransen wieder glatt. "Hast du schon mal Makramee-Eulen geklöppelt?", fragte er nach einer Weile und ließ ein Stückchen Zwiebel aus seinem Mund fallen. Mit purer Absicht. Ich glaube, in jeder von Kurts Handlungen ließ sich immer und zu jeder Zeit ein Stückchen Berechnung finden.
"In letzter Zeit nicht mehr."
"Dann ist ja gut."
Und dann hatte ich keine Lust mehr. Ich stand irgendwann einfach auf und ließ Kurt allein in seiner Welt aus Karotten, Mettbrötchen und Teppichfransen zurück. Vielleicht war das vorschnell. Vielleicht hatte ich ihn an diesem Abend noch dazu bringen können, die erforderlichen drei Bier und zwei Kilo Chips zu verputzen um danach die schottische Nationalhymne zu rülpsen.
Aber eigentlich wollte ich das gar nicht erleben. Stattdessen begnügte ich mich auf dem Heimweg mit dem beruhigenden Gedanken, dass, wenn schon nichts anderes, der Abend mir wenigstens gezeigt hatte, dass ich in einer Sache absolut Recht hatte.
Zumindest, was den Stacheldraht anging.
"Ja, bitte."
"Ich glaube, das wird in etwa so angenehm, wie vier Meter Stacheldraht im Auge."
"Ach komm, das wird sicher lustig."
"Ich will den Abend aber nicht mit einem verbringen, der seine Unterhosen mit Eigenurin batikt."
"Immerhin ist er originell."
"Er schnitzt komische Figuren aus Karotten."
"Entweder, du gehst heute mit Kurt auf die Piste, oder du kannst dich schon mal mit deiner rechten Hand anfreunden. Die wird dann namlich für die nachsten vier Wochen das einzige sein, was dich davon abhalt, hormonellen Selbstmord zu begehen." Frauen sind wie Atompilze.
Von Weitem wunderschön, vom Nahen bedrohlich und auf lange Sicht höchstwahrscheinlich tödlich - aber letztlich haben sie die besseren Argumente immer auf ihrer Seite. Meine Frau, die ich eigentlich nur zum Spaß so nannte, hörte auf den Namen Jutta und teilte mit Atompilzen zudem noch die Eigenschaft, manchmal ziemlich schnell in die Luft zu gehen. Also hielt ich es für besser, ihrem Wunsch Folge zu leisten, warf mich in mein bestes Ausgeh-T-Shirt, lieh mir von ihr meine Autoschlüssel und machte mich auf den Weg zu Kurt.
Natürlich wusste ich, dass sie mich nur aus dem Haus haben wollte, weil sie mit ihren Freundinnen einen Frauenabend verbringen wollte. Ein wenig Beautyprogramm, haufenweise Schokokekse und irgendein Film mit Brad Pitt auf DVD. Der Dreikampf der modernen Frau. Vielleicht war es also gar nicht so übel, dass sie mich an diesem Abend abschob. Kurt war so was wie das Paralleluniversum eines guten Freundes. Manchmal, da konnte man eine Menge Spaß mit ihm haben - das aber nur, wenn er mindestens drei Bier und zwei Kilo Kartoffelchips intus hatte. Ansonsten ging er einem einfach nur tierisch auf den Senkel.
"Sag mal, was weißt du über das Walsterben?", empfing Kurt mich, als er die Tür öffnete. In der einen Hand hielt er eine Karotte, in der anderen ein hoffentlich nicht allzu scharfes Messer.
"Ich nehme an, sie sterben wie alle anderen auch."
"Ja, aber ich meinte das eher aus einem gesellschaftspolitischen Kontext heraus betrachtet."
"Ach so. Dann weiß ichs nicht."
"Dann will ich es dir erklaren, mein Freund." Das Wort Freund ist ja eigentlich ein nettes. Aus seinem Mund aber klang es wie eine Mischung aus Hannibal Lecter und Mikado gegen meine Oma. Grausam und unertraglich langweilig zugleich. "Der Wal ist in unserer Gesellschaft so eine Art Sinnbild für das Umweltbewusstsein an sich", fuhr Kurt fort.
"Kann ich reinkommen?"
"Gleich. Also, es geht gesellschaftspolitisch nicht nur um einen Wal, sondern um alles. Um die sprichwörtliche Wurst sozusagen."
"Ich hab da auch noch nie so drüber nachgedacht, ehrlich gesagt."
"Wenn irgendwann der letzte Wal tot ist, was ist dann?" Kurt redete sich nun langsam in Rage und lediglich die Tatsache, dass ich immer noch mit einem Fuß auf der Straße stand, gab mir angesichts seines hoffentlich nicht allzu scharfen Messers ein kleines Gefühl von Sicherheit.
"Weltuntergang?", riet ich.
"Fast. Nicht ganz, aber fast. Wenn es namlich irgendwann keine Wale mehr gibt, fehlt den Umweltschützern ihr Symbol. Und ohne Symbol kein Kampf gegen das Establishment. Und ohne Umweltschützer gibt es auch niemanden mehr, der sagen wir mal den Russen daran hindert, seinen Atommüll in die Nordsee zu kippen."
"Also steckt der Wal mit dem Russen unter einer Decke, wenn er stirbt?" Ich hatte einfach das Gefühl, irgendwas sagen zu müssen. Einfach nur, weil Kurt mich so erwartungsvoll ansah.
"Wenn du so willst, ja." Endlich ließ er mich in seine Wohnung. Ich setzte mich auf die mit Frischhaltefolie bespannte Couch, legte meine Füße so bequem es eben ging auf den Glastisch und warf einen prüfenden Blick in Richtung der Karottenskulpturen auf den Regalen an den Wanden. Man konnte über Kurt ja sagen was man wollte, aber vom Karottenschnitzen verstand er offensichtlich eine Menge. Es gab Statuen in allen Formen und Variationen. Mal lang und dick in der Form eines Marschflugkörpers, mal klein und dünn wie eine Füllerpatrone, mal irgendwo dazwischen. Der Anblick dieser Dinger auf dem Regal hatte etwas magisch Phallisches an sich.
"Willst du auch ein Mettbrötchen?", fragte Kurt und verschwand in einem Raum, von dem ich hoffte, dass es die Küche war.
"Nee, danke, ich hatte vorhin Hühnerfrikassee", log ich. "Weißt du, die Jutta, die macht ein ganz ausgezeichnetes..."
"Also, ich mach mir jetzt jedenfalls ein Mettbrötchen."
"Ja, mach das. Ich mach inzwischen Knoten in deine Teppichfransen, wenn du nichts dagegen hast." Natürlich wollte ich nicht wirklich Knoten in seine Teppichfransen machen. Vorerst jedenfalls. Ich hatte das nur gesagt, weil ich davon ablenken wollte, nicht zu wissen, was ich sagen sollte.
"Willst du Zwiebeln drauf haben?"
"Nee, für mich keine Zwiebeln. Und kein Mett. Und wenn du grad dabei bist, auch kein Brötchen bitte."
"Ja, ist gar kein Problem." Wenig spater kam er zurück, in der Hand einen Teller mit zwei Brötchen. "Hier, aber langsam kauen", sagte er.
"Hast du Bier im Haus?"
"Wusstest du, dass Mettbrötchen so was wie der Grundstein unserer Zivilisation sind?"
"Brauchst nicht aufstehen, ich geh selbst. Steht dein Kühlschrank in der Küche?"
"Hinter der Tür. Ich meine, früher, in der Steinzeit, da hat man sein Fleisch noch mit dem Speer gejagt. Und jetzt, ein paar tausend Jahre spater, wickeln wir es in Frischhaltefolie ein und legen es uns aufs Brötchen. Denk mal darüber nach."
"Was?" Ich hatte ihn nicht verstanden, da ich damit beschaftigt war, in seinen Schubladen einen Flaschenöffner zu suchen. Schließlich behalf ich mir mit einem der vielen Einwegfeuerzeuge, die in der Küche rumlagen. Ich glaube, Kurt hat die Dinger gesammelt. Oder hergestellt. Zuzutrauen war ihm beides. "Denk mal drüber nach", wiederholte er bereitwillig.
"Klar. Du hast da Mett am Mund."
"Danke. Isst du dein Brötchen noch?" Irgendwann im Laufe des Abends musste ich an Meerschweinchen denken. Das war in etwa in dem Moment, als Kurt anfing, sich über die unmissverstandliche Sinnlosigkeit des Seins im Kontext einer neoglobalen Konterkarierung von allem zu beschweren. Ich dachte darüber nach, wie es wohl ware, einen Ninjafilm mit Meerschweinchen zu drehen. Vielleicht könnte es eine Szene geben, in der ein weiser Ninjameister seine Schüler in die Geheimnisse des lautlosen Karottenschabens einweiht.
"... Revolution", sagte Kurt gerade und riss mich aus meinen Tagtraumen.
"Ja, warum auch nicht?"
"Weil, und das versuche ich doch, dir seit einer Stunde zu erklaren, die Welt noch nicht dafür bereit ist. Aber irgendwann wird man verstehen, dass es so nicht weitergehen kann."
"Wie?"
"Na so."
"Liegt das am Russen?"
"Nein, der Russe kann da nichts für. Ich glaube, das liegt an der Mentalitat."
"Kann ich noch ein Bier haben?"
"Ich meine, hier wird doch eher weggesehen, als gehandelt. Geh einfach mal auf einen Platz mit vielen Menschen und schrei irgendwas von wegen Der Hund brennt! Der Hund brennt! Da fühlt sich doch keiner angesprochen."
"Vielleicht haben die Leute keine Hunde. Wie isn das mit dem Bier?"
"Ja, aber es geht um Mitgefühl. Um Empathie." Ich wünschte, Kurt hatte genug Empathie gehabt, um meinen sehnlichen Wunsch nach dem Hopfentee in seinem Kühlschrank nachvollziehen zu können. Vielleicht hatte ich ihn nicht so direkt fragen, sondern meine Frage in einen geschickt hinterlistigen Holzhammer kleiden und ihm damit dezent auf den Kopf schlagen sollen.
"Sag mal, was hat eigentlich Empathie mit Bier zu tun?" Ja, eine geschickte Überleitung. Hatte ich irgendwann mal ein Rhetorikseminar besucht, ware der Leiter jetzt sicher stolz auf mich gewesen.
"Nichts. Noch ein Mettbrötchen? Also, ich hatte schon Appetit." Wahrend Kurt aufstand und in die Küche ging, vertrieb ich mir ein paar außerst produktive Sekunden damit, Knoten in seine Teppichfransen zu machen. Ich fand, dieser Akt der puren Aggression hatte etwas Revolutionares an sich. Die Überwindung der allgemeinen Ordnung und Ersetzung derselben durch eine Struktur des absoluten Chaos. Noch im selbem Moment hasste ich mich dafür und strich die Fransen wieder glatt. "Hast du schon mal Makramee-Eulen geklöppelt?", fragte er nach einer Weile und ließ ein Stückchen Zwiebel aus seinem Mund fallen. Mit purer Absicht. Ich glaube, in jeder von Kurts Handlungen ließ sich immer und zu jeder Zeit ein Stückchen Berechnung finden.
"In letzter Zeit nicht mehr."
"Dann ist ja gut."
Und dann hatte ich keine Lust mehr. Ich stand irgendwann einfach auf und ließ Kurt allein in seiner Welt aus Karotten, Mettbrötchen und Teppichfransen zurück. Vielleicht war das vorschnell. Vielleicht hatte ich ihn an diesem Abend noch dazu bringen können, die erforderlichen drei Bier und zwei Kilo Chips zu verputzen um danach die schottische Nationalhymne zu rülpsen.
Aber eigentlich wollte ich das gar nicht erleben. Stattdessen begnügte ich mich auf dem Heimweg mit dem beruhigenden Gedanken, dass, wenn schon nichts anderes, der Abend mir wenigstens gezeigt hatte, dass ich in einer Sache absolut Recht hatte.
Zumindest, was den Stacheldraht anging.