
Es war nicht viel mehr als eine Art Vision, ein Traum vom Heldsein.
Thorun war gerade dabei gewesen, den finsteren Drachen mithilfe einer Kanne kalten Kaffees und zwei Stückchen Zitronenkuchen zum Aufgeben zu bringen, als auf einmal diese nackte Frau aus dem Maul des Tieres gekrabbelt kam, sich ein Stück Ritterfuß von der Schulter wischte und mit samtig weicher Stimme sagte: "Du, Thorun, wirst die Welt retten".
"Ja, sicher", sagte Thorun. "Darum bin ich hier. Ich habe Kaffee dabei. Er ist kalt, aber ich glaube er kommt von einer Plantage."
"Ich meine nicht diese Welt, Thorun. Ich meine die andere, die richtige Welt."
"Weißt du, dass du nackt bist?"
"Du lenkst vom Wesentlichen ab, junger Krieger."
"Für mich ist das ziemlich wesentlich."
"Natürlich bin ich nackt. Das hier ist immerhin dein Traum... Du wirst also die Welt retten."
"Du sprichst von der richtigen Welt."
"Genau. Wenn der Schleier der Dunkelheit sich über die Landschaft wölbt, wirst du dort sein, um den Fürsten der ewigen Finsternis in die Flucht zu schlagen. Deine Waffe wird Tapferkeit sein, dein Schild der Glaube um deine Unverwundbarkeit. Nur du allein wirst in der Lage sein, das Unvollbringbare zu vollbringen, das Unmögliche möglich zu machen und das Undenkbare zu denken."
"Hatte ich dich schon gefragt, warum du nackt bist?"
"Ja."
"Und was hast du geantwortet?"
Es spielt keine Rolle, wo diese Welt sich befunden, welche Dimensionen sie umspannt, welche Wesen sie beherbergt hatte. Es reicht zu wissen, dass sie einst da gewesen war und wenig später nicht mehr. Feuersbrünste wüteten von Ost nach West, tosende Wirbelstürme donnerten von Nord nach Süd, während sich schleimiges Gewürm von der Mitte nach Außen schlängelte. Wäre man nicht zufällig Bewohner dieser Welt gewesen, hätte man der Sache sicher einiges an ästhetischem Wert zuschreiben können.
"Hui... was ein Spaß!"
"Ach, ich weiß nicht. Irgendwie hab ich den Drive verloren."
"Was soll das denn heißen?"
"Ach naja... es wird langsam langweilig, weißt du?"
"Langweilig? Guck dir das doch nur mal an... da, diese... Wesen ertrinken in ihrem eigenen Blut. Das ist doch großartig! Und dann erst diese Flutwelle im Tal von... ach, wasweißich. Die hast du jedenfalls toll hinbekommen."
"Danke. Aber trotzdem... immer das gleiche. Da ist irgendeine Welt und dann machen die Bewohner alles kaputt. Also, metaphorisch gesehen. Und dann reiten wir beide los und machen wirklich alles kaputt."
"Jeder braucht eine Aufgabe. Würdest du lieber Kartoffeln aus der Erde ziehen, wie diese armen Wichte hier? Also... als sie noch Erde hatten..."
"Naja, das wäre zumindest mal eine Abwechslung."
"Ach komm, lass dich nicht hängen. Reiten wir nach Westen, da gibt es noch eine Siedlung von diesen dreibeinigen Dingern, die so lustig quieken, wenn man ihnen den Kopf abschlägt. Das wird dich schon auf andere Gedanken bringen." ... "Okay, noch mal von Anfang. Da ist also diese Tussi aus dem Drachen..."
"Nackte Tussi."
"Logisch, war ja dein Traum. Also eine nackte Tussi ist aus dem Maul des Drachen gekrabbelt und hat gesagt, dass du die Welt retten sollst? Ausgerechnet du? Tut mir leid, das ist absurd."
"Warum nicht ich?"
"Naja... ich will ja nicht meckern oder so... aber guck dich doch mal an. Ich weiß zwar nicht, wie ein Held normalerweise aussieht, aber so sicher nicht."
"Du bist auch nicht gerade James Bond."
"Ja, aber ich rede im Schlaf auch nicht mit nackten Frauen."
"Und wer von uns beiden ist nun mehr Mann? Du oder ich? Da ist noch ein Fleck." Natürlich hätte Thorsten sich schönere Arbeitsplätze vorstellen können, als auf dem Dach eines einhundertdreistöckigen Wolkenkratzers Taubenkacke mit einem Lappen aufzuwischen. Aber es war ein Job und er wurde bezahlt. Und so schlimm war es eigentlich auch gar nicht. Er und sein Kollege Karsten hatten die wohl beste Aussicht, die man sich nur denken konnte, waren immer an der frischen Luft und die einzigen beiden Menschen auf der ganzen Welt, die diese tollen mintrosanen Overalls tragen durften - eine Farbe, die von einem geisteskranken Designer extra für sie erfunden worden war. Der Mann war der felsenfesten Überzeugung gewesen, es würde sich hierbei um die heilige Farbe handeln, die über mystische Kräfte verfüge.
"Hast du dir schon überlegt, wie du die Welt retten willst?"
"Ich werde es wissen, wenn es soweit ist."
"Ach komm, du wirst doch irgendeinen Plan haben."
"Nee, keine Ahnung."
"Vielleicht solltest du dir zum Anfang einen coolen Umhang stricken."
"Verarscht du mich gerade?"
"Und einen Wagen. Du brauchst dringend ein Superheldenauto. Mit Raketen und einem tollen Schiebedach."
"Wring lieber deinen Lappen aus. Der tropft."
"Und eine Titelmelodie! Die ist ganz wichtig. Irgendwas Schmissiges."
"Ich erzähl dir nie wieder was Privates."
"Kennst du die Werbemelodie von diesen Bockwürstchen? Die wäre doch was."
"Echt, das nächste Mal, wenn ich von nackten Frauen träume, erzähl ich dir das nicht."
"Stell dir das doch mal vor. Da ist gleich Weltuntergang und dann kommst du in deinem selbst gestrickten Anzug und rettest alle. Und im Hintergrund läuft die ganze Zeit deine Musik. Wär das nichts?"
"Am besten, ich erzähl dir überhaupt nie wieder irgendwas."
"Ach, jetzt sei nicht beleidigt. Komm, wir haben eh Mittag." Karsten schob seinen Kollegen in Richtung des Parkplatzes, öffnete die Beifahrertür eines unverschämt teuer aussehenden Wagens und holte zwei Brötchen aus dem Handschuhfach. Vielleicht war es ungewöhnlich, dass sich auf dem Dach eines einhundertreistöckigen Hochhauses ein Parkplatz für Luxusautos befand. Eventuell war es auch ungewöhnlich, dass direkt daneben ein lauschiges Straßenkaffee nachgebaut worden war. Mit Tischen, Stühlen und diesen übergroßen weißen Sonnenschirmen. Ganz und gar ungewöhnlich war jedoch die ebenfalls nachgebaute Fußgängerzone, komplett mit Häuserkulissen aus Pappe und vorgezogenen Markisen.
Wenn es nicht absolut albern geklungen hätte, würde man meinen können, hier hätte jemand eine Anlage gebaut, deren einziger Zweck darin bestand, Tauben anzulocken.
"Gleich nach der Pause können wir mal unsere Eimer ausleeren. Meiner ist voll", sagte Karsten, nachdem er sein erstes Brötchen gegessen und für Nachschub gesorgt hatte.
"Ja. Manchmal frage ich mich wirklich, wozu jemand so viel in Wasser gelöste Taubenkacke braucht."
"Meinst du, das hat was mit dem Ende der Welt zu tun?"
"Ja, leck mich doch." Als ihre Mittagspause beendet war, zogen sie Streichhölzer um zu ermitteln, wer von ihnen die Eimer ausleeren sollte. Wenig später stiefelte Thorsten, beladen mit zwei Eimern voller in Wasser gelöstem Kot die einhundertdrei Etagen des Hochhauses hinunter. Natürlich gab es einen Fahrstuhl, aber der war für Männer ihres Standes nicht zugänglich. Thorsten wusste, dass jede Stufe, die er nun nach unten nahm, eine war, die er in ein paar Minuten wieder erklimmen müsste. Dann würde er zwei Eimer mit frischem Wasser transportieren. "Wie lautet die Parole?" Der bullige Türsteher beachtete Thorsten nicht weiter, sondern fuhr fort, sich mit betonter Langsamkeit die Fingernägel zu feilen.
"Wo ist Ingo?"
"Krank. Ich vertrete ihn. Parole?"
"Ingo lässt mich immer vorbei. Wir kennen uns seit Monaten."
"Ich kenn dich nicht. Parole?"
"Wie gesagt, Ingo lässt mich immer so vorbei und darum hab ich die Parole vergessen."
"Dann kommst du hier nicht rein."
"Hör mal, ich arbeite seit Jahren hier und bin bisher immer da rein gekommen."
"Ach so. Alles klar." Der Türsteher steckte die Nagelfeile in seine Tasche und trat einen Schritt beiseite.
"Na also."
"Parole?"
"Ich hab doch gerade gesagt..."
"Sowas kann jeder behaupten. Ohne die Parole kann ich nicht wissen, wer du bist."
"Ey, ich hab eine dämliche Jacke auf der Sammelgruppe eins steht und trage zwei Eimer voller Taubenscheiße mit mir rum. Wer soll ich schon groß sein?"
"Keine Ahnung. Solche Sachen gehören nicht zu meinem Job. Parole?" ... Am Ende blieb wie jedes Mal nur eine frustrierend leblose Mischung aus Chaos, Leere und Vernichtung. Man konnte über die beiden Reiter sagen, was man wollte, aber gründlich waren sie.
"Du musst auch immer was zu meckern haben."
"Ich mecker nicht. Ich habe nur gesagt, dass ich mal ne Pause brauche."
"Pause? Wir machen keine Pausen. Wir sind... ich meine, das haben wir nicht nötig, weißt du?"
"Ich schon. Ich habe einfach Angst, dass ich irgendwann komplett das Interesse verliere. Und ein Job, der keinen Spaß macht, kann einen einfach nicht ausfüllen."
"Wie kann dieser Job keinen Spaß machen? Erinner dich doch nur mal an die köstlichen Schreie. Den Geruch von verbranntem... Zeugs in der Nase. Ach, das ist doch herrlich!"
"Ja, aber... ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht sollte ich einfach mal Urlaub machen."
"Und ich soll den Job alleine durchziehen?"
"Zurzeit ist eh nicht besonders viel los. Das schaffst du schon alleine."
"Mhh... okay. Ich kann dich wohl sowieso nicht umstimmen. Lass uns noch einmal zusammen reiten. Danach kannst du ein paar Wochen Urlaub machen. Okay?"
"Na gut. Einmal noch. Hast du die Liste?"
"Immer am Mann. Mal sehen, welche Welt als nächstes dran ist."
"Du?"
"Ja?"
"Weißt du eigentlich, dass du der beste Freund bist, den ich je hatte?" ... Nimmt man zum Beispiel eine Atombombe und zieht gedanklich von ihr all das ab, was man für Gewöhnlich mit einer Atombombe assoziiert, dann verliert sie vermutlich einiges an Schrecken. Auch ihre natürliche Autorität und die jener Person, die im Besitz des Auslösers ist, würde natürlich leiden - aber da Personen, die im Besitz des Auslösers einer Atombombe sind, vermutlich zugleich jene sind, die unter keinen Umständen Autorität ausstrahlen sollten, würde das im großen Maßstab gesehen keine große Rolle spielen.
Nimmt man hingegen eine kleine Eidechse und addiert gedanklich all die Dinge, die man für gewöhnlich mit einer Atombombe assoziiert, so erhält man einen Drachen. Er würde vermutlich nicht soviel Lärm machen und alles würde insgesamt ein wenig länger dauern - aber auf lange Sicht wäre eine Atombombe wohl ein ziemlich passender Vergleich. ... Es gibt Tische, die sind dafür geschaffen, auf ihnen Karotten in kleine Streifen zu schneiden, Pilze zu putzen und Hefeteig zu dünnen Fladen zu kneten. Andere Tische werden benutzt, um abends vor dem Schlafengehen sein Gebiss in einem kleinen Glas neben dem Wecker und irgendeinem abgedroschenen Liebesroman über Anwälte und Tennislehrer namens Carlo auf sie zu stellen. Wieder andere Tische dienen als Ablage für alle möglichen Dinge, Unterlage beim Schreiben der Steuererklärung oder als willkommene Abwechslung beim Sex.
Und dann gibt es Tische, die sind wie geschaffen dafür, sich bekleidet in schwarze Anzüge um sie zu setzen, an seinem Orangensaft zu nippen, und irgendwem bei einem Vortrag zuzuhören. An solchen Tischen werden Entscheidungen getroffen und genauso sehen sie auch aus. Meistens sind sie äußerst massiv, aus Eichenholz oder schwarzem Glas und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass nicht sie in den Raum gestellt, sondern der Raum um sie herum gebaut wurde.
Das hier war keiner von diesen Tischen. Dieser Tisch erweckte den Eindruck, als wäre die ganze Welt um ihn herum gebaut worden. "Meine Herren, wir müssen eine Entscheidung fällen." Wenn Norbert Winterstein, seines Zeichens Vorsitzender der Winterstein AG und einer der vier reichsten und mächtigsten Männer der Welt, diese Worte in den Mund nahm, dann bedeutete das in etwa, dass er eine Entscheidung getroffen hatte und der Rest des Vorstands gut beraten wäre, diese zu teilen. Er beugte sich ein Stückchen nach vorne, stützte seine Ellenbogen auf den schwarzen Tisch und faltete die Hände - gespannt wartend auf die Zustimmung seiner Untergebenen. Eine zeitlang geschah nichts.
"Darum... darum sind wir hier, Herr... Herr Winterstein", brachte endlich ein Mitglied des Vorstandes mühsam hervor. Walther Ohlmann bekleidete seine Position, weil seine Mutter einen beträchtlichen Anteil der Aktien des Unternehmens besaß und der Meinung war, ihr Sohn müsste etwas mehr aus seinem Leben machen, als das angestrebte Philosophiestudium. "Vielleicht... nun, ich möchte nicht respektlos erscheinen, aber vielleicht wäre es der Sache zuträglich, wenn wir vor der Entscheidungsfindung einen kleinen Anhaltspunkt hätten, wo... naja, worüber wir entscheiden."
"Ein berechtigter Einwurf, Herr..."
"Ohlmann. Meiner Mutter gehören zweiund..."
"Herr Ohlmann. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Glauben Sie wirklich, und ich möchte, dass Sie alle in diesem Raum einen Augenblick lang über diese Frage nachdenken, glauben Sie also wirklich, dass dieses Wissen für Sie von Belang wäre?"
"Ich... ich schätze nein, Sir..."
"Wunderbar. Ich freue mich außerordentlich, dass wir uns in dieser für das Unternehmen von entscheidender Wichtigkeit seienden Sache einig sind. Die Sitzung ist beendet." Norbert Winterstein nahm den Fahrstuhl. Während aus einem Lautsprecher irgendwo hinter der geschmackvollen Wandverkleidung belanglose Musik dudelte, nutzte er die Zeit, einen kurzen Blick in die aktuellen Börsenberichte zu werfen. Natürlich war seine Aktie im Wert gestiegen. Das tat sie meistens. Umso erstaunlicher vielleicht, da niemand so recht wusste, was genau die Winterstein AG eigentlich herstellte oder welchem Zweck sie diente. Niemand wusste das, abgesehen von Norbert natürlich.
Er trat aus dem Fahrstuhl, ignorierte das Sicherheitspersonal und wandte sich direkt an Professor Dieckmann, den Leiter des Labors. Der Professor hatte den Besuch seines Vorgesetzten bereits erwartet und hielt ein Klemmbrett in seinen zittrigen Händen.
"Herr Winterstein. Es ist mir eine Ehre."
"Ich weiß. Wir haben die Inbetriebnahme soeben im Vorstand genehmigt. Wie weit sind Sie?" Professor Dieckmann warf einen hektischen Blick auf seine Unterlagen, bevor er antwortete.
"Wir hatten ein paar Probleme mit dem Auswurftrichter am dritten Hauptrelais, aber das haben wir in den Griff bekommen. Ich denke, dass wir damit eigentlich fertig wären."
"Sie meinen, es funktioniert?"
"Wir haben es noch nicht getestet. Uns fehlten noch die letzten... Rohstoffe. Kommen Sie, am besten, ich zeige es Ihnen einfach." Der Professor führte seinen Gast durch die gewaltige unterirdische Anlage und blieb schließlich vor einem Apparat stehen. Apparat wäre vielleicht der richtige Ausdruck, wenn einem die Worte unglaublich gigantisch nervenzerfetzend übertrieben gewaltige Maschine nicht einfallen wollen. Überall zischte und rumorte es, kleine Lampen blinkten und Zahnräder drehten sich.
"Das ist es also?"
"Das ist es. Ja", sagte der Professor stolz.
"Wie funktioniert es?"
"Nun... es ist uns gelungen, die atomare Struktur eines Organismus mithilfe einfacher Zutaten dergestalt umzuwandeln, dass sie gemäß den Gesetzen der Quantenphysik die formalen Grenzen der Vorstellungskraft des Individuums sprengt und neue Dimensionen..."
"Ja, aber wie funktioniert es?"
"Nun, Sie legen die Eidechse in diesen Kasten, füllen den Katalysator in den Trichter und legen den Hebel um."
"Und dann haben wir..."
"Ja. Dann haben wir einen Drachen." Man nehme eine kleine Eidechse und addiere gedanklich all die Dinge, die man für gewöhnlich mit einer Atombombe assoziiert. Das Ergebnis ist eine Waffe, die an Durchschlagskraft auf lange Sicht kaum zu überbieten ist. Eine Waffe, die durch nichts aufzuhalten ist. Und alles, was man dazu braucht, sind eine Eidechse, ein Streichholz und genügend Taubenkacke. Norbert Winterstein wusste, welchem Zweck seine AG diente. Einzig und allein dem Zweck nämlich, ihm die beruhigende Gewissheit zu verschaffen, alles zu besitzen. ... "Da bist du ja wieder. Und, hast du die Parole?"
"Ich habe sie."
"Du schwitzt. Das ist widerlich." Der Türsteher reichte Norbert ein Taschentuch.
"Es wäre einfacher gewesen, wenn ich die Eimer hier hätte stehen lassen können."
"Ja, das wäre einfacher gewesen. Parole?"
"Der Drache schläft nicht mehr."
"Geht doch." Der Türsteher trat beiseite und öffnete Thorsten die Tür. Der war noch ein wenig außer Atem - immerhin war er eben die einhundertdrei Stockwerke hinauf und wieder hinunter gegangen um von seinem Kollegen die Parole zu erfragen - beeilte sich dann aber, bevor der Türsteher es sich eventuell noch anders überlegen könnte. Hinter der Tür befand sich die gewohnte kleine Stahlkammer. Schmucklos, abgesehen von dem roten Samtvorhang an der gegenüberliegenden Wand und dem Trichter in der Mitte des Raumes. "Ah, da ist er ja." Professor Dieckmann betrat die Kammer durch eine zweite Tür und empfing Thorsten mit einer Überschwänglichkeit, die diesem ein wenig suspekt war. Bisher waren die meisten Menschen ihm mit einer Mischung aus peinlicher Gleichgültigkeit und unverhohlener Abscheu begegnet. Noch nie hatte sich jemand gefreut, ihn zu sehen.
"Ja, da bin ich. Ich bringe die Eimer."
"Das ist großartig! Kommen Sie, wir fangen sofort an."
"Womit?"
"Mit der Prozedur."
"Jetzt mal halt! Ich komme seit ein paar Monaten jeden Tag hier runter und kipp die Taubenscheiße in den Trichter da. Ne Prozedur hab ich dazu noch nie gebraucht. Und wer sind Sie eigentlich?"
"Verzeihung. Dieckmann ist mein Name. Professor Jürgen Dieckmann. Ich würde Ihnen ja die Hand geben, aber dafür müssten Sie die Eimer abstellen. Ich habe diese Anlage entworfen, müssen Sie wissen."
"Den Trichter? Naja, das hätte ich auch noch geschafft."
"Nicht doch den Trichter... Diese Anlage." Mit den letzten Worten betätigte Professor Dieckmann die bisher in seiner Hand verborgene Fernbedienung. Der Vorhang glitt zur Seite und gab den Blick frei auf die riesige Halle, die vollkommen von dem soeben fertig gestellten Apparat eingenommen wurde. Jedem anderen Menschen wären bei diesem Anblick vielleicht die Worte unglaublich gigantisch nervenzerfetzend übertrieben gewaltige Maschine in den Sinn gekommen. Thorsten nicht.
"Heilige Scheiße", sagte er. "Zügeln Sie ihre Vulgarität", sagte Norbert Winterstein pikiert und trat aus dem Schatten hervor. Ganz so, als hätte er es auf den dramaturgischen Effekt angelegt. "Ist es notwendig, Professor, dass der dabei ist?"
"Eigentlich nicht. Aber ich dachte mir, er hat all die Monate so hart für die Sache gearbeitet, dass er ruhig zusehen kann, um die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Ich meine, mein Team ist ja auch anwesend."
"Naja, was solls... fangen Sie endlich an."
Der Professor wies Thorsten an, den Inhalt der beiden Eimer in den Apparat zu füllen. Es gab ein paar gluckernd glucksende Geräusche, als die Flüssigkeit das Rohrsystem hinabrann und den Pegel im unterirdischen Bottich auf genau jenen Wert ansteigen ließ, der für die Prozedur erforderlich war. Irgendein weißbekittelter Helfer holte eine Eidechse aus ihrem Käfig und setzte sie, nachdem er sich ein paar eklig aussehende Beiss- und Kratzwunden zugezogen hatte, in die Metalvorrichtung am Ende des Apparats. Dann legte er noch ein Streichholz dazu und schloss den Käfig.
"Es ist alles vorbereitet, Herr Winterstein", sagte der Professor und deutete auf den Hebel. "Ich denke, die Ehre sollte ihnen gebühren." Norbert Winterstein krempelte die Ärmel seines Jacketts empor und betätigte die Maschine.
Eine zum Zerreißen gespannte Sekunde lang geschah überhaupt nichts.
...
"Hier sind wir richtig.""Bist du sicher? Diese Welt sieht gar nicht aus, als wenn sie gleich zerstört würde. Wo sind die schwarzen Wolken, die das Unheil verkünden? Wo sind die von Krankheit gezeichneten Lebewesen, wo die ausgedörrten Felder?"
"Es steht auf der Liste. Hier, sieh selbst."
"Vielleicht hast du die Karte falschrum gehalten?"
"Wie lange kennen wir uns jetzt schon?"
"Seit genau zwei Ewigkeiten, vier Äonen und siebzehn Tagen."
"Habe ich in all der Zeit jemals eine Karte falsch herum gehalten?"
"Nein. Aber trotzdem stimmt hier was nicht. Vielleicht sollten wir mal oben nachfragen."
"Hey, du wolltest doch Abwechslung. Jetzt beschwer dich nicht. Vielleicht haben wir hier einfach nur eine Welt, für die das Ende aus heiterem Himmel kommt."
"Ja, vielleicht hast du Recht. Wann gehts los?"
"Warte... wenn ich das hier richtig entziffern kann... meine Güte, wir sollten wirklich mal zusammenschmeissen und dem Revisor eine Schreibmaschine schenken. Das kann doch keiner lesen hier... naja, wenn ich das hier richtig entziffern kann, dann können wir in ein paar Minuten anfangen." ... Pumpen setzten sich in Bewegung, gewaltige Konstruktionen aus Stahl, Beton und - an den Stellen, an denen man es nicht sah - Plastik übertrugen die Energie des Katalysators in mechanische Bewegung. Eine Klappe öffnete sich und der Käfig der Eidechse wurde in das Innere der Maschine befördert.
Es zischte und verschiedenfarbiger Rauch kam aus verschiedengroßen Öffnungen des Apparats. Zahnräder ächzten, Scharniere knarrten und überhaupt machte sich die Konstruktion jede Mühe um auch dem ungeübten Betrachter absolut klar zu machen, dass sie im Moment mit unvorstellbaren Mengen an Energie und Kräften zu kämpfen hatte. Es ist nicht weiter schwierig, einen Drachen zu erwecken.
Das eigentliche Problem besteht darin, dem Universum zu erklären, dass soeben ein Wesen geschaffen wurde, das nach keinem einzigen Naturgesetz funktionieren dürfte, das keiner einzigen Regel gehorchte und das nach allen nur denkbaren Richtlinien der Physik einfach nicht existieren konnte.
Ein Drache wäre metaphorisch gesehen in der Lage, die Zerstörungskraft einer Atombombe zu entwickeln. Doch das ist nichts im Vergleich zu der Zerstörungskraft, die das Universum entwickelt, wenn es merkt, dass man es betrogen hat. Drachen sind bekannt für ihre Größe. Sie sind bekannt dafür, schwerer zu sein, als Eichhörnchen. Jeder weiß auch, dass Drachen fliegen können und Schuppen haben. Von den scharfen Krallen an den Klauen ganz zu schweigen. Und ganz bestimmt weiß auch jeder, dass Drachen Feuer speien.
Norbert Winterstein wusste das alles natürlich ebenfalls. Im Gegensatz zu Doktor Dieckmann und Thorsten hatte ihm sein Instinkt aber nicht gesagt, dass man sich besser nicht in Speirichtung eines Drachen aufhalten sollte, wenn dieser gerade aus einer in Taubenexkrementen gebadeten Eidechse entstanden ist. "Ist er...", begann Thorsten.
"Dabei erinnere ich mich ziemlich genau, in einem meiner Dossiers deutlich auf diese Gefahr hingewiesen zu haben."
"Doktor, sagen Sie mir bitte, dass da eben nicht ein Drache einen Menschen in einen Haufen Asche verwandelt hat."
"Würde Ihnen eine Lüge helfen?" Die beiden Männer versuchten, sich hinter dem umgestürzten Tisch noch ein wenig mehr zusammenzukauern.
Der Drache stand ein wenig unschlüssig vor der Maschine und sah sich um. Natürlich kannte er die Halle, er hatte als Eidechse schließlich viele Wochen hier verbracht. Aber im Vergleich zu sonst schien auf einmal alles so klein zu sein. Klein und... unterlegen. Das Tier sah an seinem Körper hinab, bewunderte seine Größe und die enorme Spannweite seiner neuen Flügel und spuckte zur Probe noch einmal Feuer. Er fing an, Spaß an seiner neuen Gestalt zu haben.
"Was machen wir jetzt?"
"Ehrlich gesagt, habe ich da nie drüber nachgedacht. Es hat natürlich Fallstudien für die Zeit nach der Erweckung gegeben, aber so genau haben wir das nie genommen."
"Sie haben also einen Drachen geschaffen und nicht darüber nachgedacht, was Sie dann damit machen?"
"Naja, Herr Winterstein - Gott habe ihn selig - meinte, es wäre eine gute Idee. Und der Vorstand..."
"Also keine Pläne. Alles klar... Ich glaube, das ist der Moment, von dem die nackte Tussi gesprochen hat. Haben Sie zufällig Zitronenkuchen und Kaffee da?"
"Wie bitte?"
"Nicht so wichtig. Vergessen Sies einfach." Thorsten holte einmal tief Luft und erhob sich. Er war kein Held, niemand, der dem Tod verächtlich ins Gesicht spuckt. Aber er wusste, dass er der Auserwählte war, die Welt zu retten. Seine Fähigkeiten würden es sein, die den Drachen bezwingen würden. Einzig und allein sein Mut könnte sie vor dem sicheren Ende bewahren.
Seine Knie zitterten. In diesem Moment, in dem der Drache den Kopf in seine Richtung drehte, wurde Thorsten schmerzhaft bewusst, dass er weder über Mut, noch über besondere Fähigkeiten verfügte.
Umso erstaunlicher war es vielleicht, dass der Drache, nachdem er einen kurzen Blick auf den jungen Mann geworden hatte, einmal kurz schluckte und dann einfach explodierte.
"Was zum..."
"Aber natürlich!", brachte Professor Dieckmann hervor und seine Stimme klang wie die eines Mannes, der eigentlich viel lieber Heureka gerufen hätte. "Die heilige Farbe."
"Der ist... der ist einfach... geplatzt..."
"Es ist Ihre Jacke. Mintrosa! Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin..."
"In die Luft geflogen... einfach so."
"Logisch, dass ein Drache eine unmögliche Farbe nicht ertragen kann. Ich meine, es folgt den Gesetzen der Quanten..."
"Ach, leck mich doch", Thorsten nahm seine Eimer an sich und ließ den Professor stehen. ... Die beiden Reiter waren ein wenig unschlüssig, wie sie sich die Wartezeit auf das Ende vertreiben sollten. Der eine sah immer wieder auf seine Uhr, der andere betrachtete mit betonter Gleichgültigkeit seine Fingernägel und war gedanklich offensichtlich längst im Urlaub. Als es dann direkt neben dem Ersten in der Luft puffte und eine kleine Gestalt aus dem Nichts erschien, waren sie beide froh, dass die drückende Stille unterbrochen wurde. Die kleine Gestalt nahm einen der Reiter beiseite und flüsterte ihm etwas in Ohr.
"Was soll das heißen, verschoben?"
"Verschoben?", fragte der andere Reiter.
"Sieht ganz so aus. Auf unbestimmte Zeit, sagt er. Und ich hatte mich schon so darauf gefreut. Das ist unfair."
"Ach komm, nimms nicht so schwer. Wenn ich dann jetzt in den Urlaub gehe, kannst du die nächste Welt dafür alleine machen."
"Ja, aber was ist mit dieser hier?"
"Die läuft uns schon nicht weg. Irgendwann geht jede Welt zu Ende."
"Na, hoffentlich." ... "Na endlich! Wo warst du solange?" Karsten lehnte an einer der Luxuskarossen und gab sich die größte Mühe, vorwurfsvoll zu wirken. "Die blöden Tauben kacken hier alles munter voll und ich kann ohne Eimer nichts machen."
"Tut mir leid... ich wurde aufgehalten."
"Soso, aufgehalten. Hast du die Welt gerettet?"
"Ich habe die Welt gerettet."
"Ja, schon klar... Weltenretterman. Komm, lass uns arbeiten."
"Ich glaube, wir brauchen heute nicht mehr zu arbeiten."