science fiction
Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn
(c) 2008 gnoebel
"Das hier ist Ihre Quittung für Ihren Mann. Und das ist meine Quittung für Ihre Quittung" (Brazil)

Ich traf ihn in der Kantine.
Stand einfach so vor mir in der Schlange zur Essensausgabe Drei, Kohlrouladen mit Kartoffelpüree. Eigentlich mag ich keinen Kohl, aber immer noch besser als der Kaiserschmarrn oder das Rindsgulasch in Nummer Fünf beziehungsweise Vier.
"Hallo", sagte er, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ich nickte, war es halt nicht gewohnt in der Mittagspause zu sprechen. Normalerweise redet hier niemand. "Ich hab gehört, heute gibts Pudding zum Nachtisch."
"Aha."
"Ja. Schokoladenpudding. Ziemlich gut, oder?"
"Ja. Geht so."
"Sie reden nicht viel, kann das sein?"
"Es ist Mittagspause."
"Und? Ich finde, gerade da kann man sich gut unterhalten", sagte er. "Das ist die einzige Gelegenheit, ohne ständig an Akten und so zu denken."
"Ja, vielleicht."
"Sie arbeiten doch im Bürotrakt, oder?"
"Ich bin Handwerker."
"Ach so, ja. Das macht Sinn", sagte er und kurioserweise tat es das wirklich. "Sonst hätte ich Sie ja schon mal gesehen." Schichtsystem. Die Handwerker und die Bürotypen haben unterschiedliche Pausenzeiten. Spart Tische in der Kantine. Ich war heute nur deshalb hier, weil meine Maschine verstopft war und ich nacharbeiten musste. Darum wurde meine Pause verschoben.

"Oh, wo hab ich nur meine Manieren gelassen...", begann er und reichte mir die Hand. "Jenkins. Harry Jenkins. Informationsverwaltungsangelegenheiten Unterabteilung Archivierungsfragen D bis F. Etage 24." Ich sagte ihm meinen Namen.
"Und?"
"Und was?"
"Naja, wo arbeiten Sie?"
"Ich bin Handwerker. Hab ich doch gesagt. Montagehalle Sechzehn. Qualitätsprüfung für Produkt Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn."
"Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn? Das ist interessant. Ich habe einen Dreiundzwanzig A Strich Siebzehn auf meinem Schreibtisch stehen."
"Wozu ist ein Dreiundzwanzig A Strich Siebzehn?"
"Keine Ahnung. Ich benutze es als Briefbeschwerer."
Eine unfreundlich dreinblickende Frau in einer weißen Kittelschürze klatschte mir eine labbrige Kohlroulade auf den Teller, gefolgt von einem achtlos daneben drapierten Klumpen Kartoffelbrei. Darüber einen Klecks Soße und fertig war das Mahl für Champions.
"Sehen Sie, Schokoladenpudding", sagte mein neuer Bekannter erfreut, als ich eine kleine Schüssel gefüllt mit brauner Masse auf das Tablett gepfeffert bekam.
"Sekunde, Darling." Die Küchenhilfe legte mir ihre Hand auf den Arm und hinderte mich so, das Tablett wegzuziehen. "Das Wichtigste fehlt doch noch." Aus irgendeiner Tasche ihrer Schürze zauberte sie eine Dose Sprühsahne hervor und garnierte den Pudding mit einem neckischen Häubchen.

"Setzen wir uns doch."
"Ja."
"Haben Sie etwas dagegen, sich während des Essens zu unterhalten? Oder mögen Sie das nicht?"
"Ich weiß nicht... habs nie probiert." Wie gesagt, in meiner normalen Schicht redet hier niemand.
"Dann reden wir. Ich liebe eine gepflegte Konversation. Wissen Sie, mein Kollege, der alte Walker, der redet nie. Es ist eine Tortur, das sage ich Ihnen. Stellen Sie sich vor, der sitzt den ganzen Tag an seinem Schreibtisch, tippt Daten in sein Terminal und schreddert Akten."
"Er schreddert?"
"Ja. Unser Fachwort für administrative Entsorgung. Kennen Sie das Verfahren der administrativen Entsorgung? Das ist ziemlich interessant. Also, früher war das richtig kompliziert, aber dank unseres modernen Computersystems ist das alles viel einfacher geworden. Unnötige Akten werden von uns einfach abgetippt und dann mit einem blauen Anhang versehen, als Zeichen, dass sie digital erfasst wurden." Bereits vor seinem Monolog hatte mein Gegenüber sich ein Stück Kohlroulade auf die Gabel gespießt, womit er jetzt gestenreich fuchtelnd seine Worte unterstrich. "Das Ganze schicken wir dann an die Revision. Die kopiert die Akte, erstellt einen Sichtvermerk und sendet den dann per Hauspost an die Kontroll- und Restriktionsabteilungen in Stockwerk dreiunddreißig. Dort wird der Vorgang protokolliert und dann über die Revision wieder an uns zurückgesendet, allerdings ohne den blauen Anhang, der in der Revision bleibt und an die Buchhaltung geht, und daraufhin können wir die original Akte dann administrativ entsorgen."
"Aha."
"Ja. Unheimlich interessant, oder? Und richtig interessant wird es jetzt, wenn man bedenkt, dass auch die von der Restriktionsabteilung erstellten Protokolle denselben Weg gehen müssen. Also, die werden direkt an das Archiv geschickt und von dort an uns und der ganze Ablauf geht von vorne los. Ein endloser Kreislauf."
"Naja, eigentlich..."
"Wobei das natürlich nicht alles ist, was wir den ganzen Tag machen. Erst gestern Abend zum Beispiel... Naja, aber ich bin sicher, Ihr Beruf ist mindestens ebenso interessant."
"Geht so", sagte ich und schaufelte mir ein wenig Kartoffelbrei in den Mund. "Ich kontrolliere halt, ob die Werkstücke okay sind."
"Sehr wichtige Tätigkeit. Sehr, sehr wichtig. Also, jedenfalls ist mein Kollege Walker ein alter Stinkstiefel. Es ist jedesmal eine Freude, wenn ich endlich Feierabend habe und nach Hause gehen kann. Oh, da fällt mir ein, wohnen Sie eigentlich auch hier im Hause?"
"Natürlich. Stockwerk dreiundfünfzig."
"Nein, wirklich? Ich wohne im siebenundfünfzigsten. Ist es denn die Möglichkeit."
"Ja."
"Kann ich Sie mal was fragen? Sie müssen verzeihen, aber ich bekomme so selten Gelegenheit dazu, mein Kollege redet nie und in der Pause setzt sich normalerweise niemand zu mir. Warum auch immer."
"Klar. Fragen Sie."
"Wann waren Sie das letzte Mal draußen?"
"Draußen?"
"Ja, draußen. Außerhalb des Hauses."

...

"Tag, Pete. Lange nicht gesehen."
"Oh, hallo." Der alte Mann schenkte mir ein zahnloses Lächeln und legte die Bohrmaschine auf den Boden. Pete hat hier schon gearbeitet, als... bevor... naja, vermutlich hat er dieses Haus damals gebaut und ist seitdem dabei, es zu beschildern.
Ich war gerade auf dem Weg von der Kantine zurück in Montagehalle sechzehn, als ich ihn auf dem Boden knien sah.
"Wie geht´s?"
"Ach, die Füfe find wund, der Rücken knarrtft und die die Hüfte will auch nicht mehr wie früher."
"Ja... kenn ich. Neues Schild?"
"Ja. Die Fonderabteilung für befondere Abteilungfangelegenheiten ift umgetfogen."
"Sonderabtei... hab ich noch nie von gehört."
"Ich auch nicht. Muff neu fein."
"Ja, vermutlich. Ich muss los. Pass auf, dass der Pfeil in die richtige Richtung zeigt, Pete", sagte ich und lachte. Derselbe Witz wie jedes Mal. Und wie jedes Mal war Pete der einzige von uns beiden, der ihn witzig fand.
"Haha... ja, mach ich. Kennft mich ja."

Ich wartete, bis der Fahrstuhl kam und drückte die Taste für das Erdgeschoss. Ganz unten waren die Montagehallen. Hier wurde das schwere Zeugs gebaut. Maschinen, Werkzeuge, Apparate, Geräte, allgemeine Dinge, diverses Zeugs und nicht zu vergessen die Werkstücke. Unter anderem auch das Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn. Nein, stimmt nicht. Nicht ganz unten. Ganz unten, im Keller, war noch die Revision.
Darüber in den Etagen eins bis zehn waren die Freizeitgeschosse. Geschäfte, Restaurants, ein kleines Casino und natürlich die Kantine, die den zehnten Stock komplett einnahm. Das waren auch die einzigen Stockwerke, denen etwas Farbe gegönnt wurde. Der Rest des Hauses war in einem heimeligen Einheitsgrau gehalten. Dann kamen die Stockwerke elf bis fünfzig für die Verwaltung. In den Etagen einundfünfzig bis siebzig wurde gewohnt. Einundsiebzig war... niemand wusste, was in der Einundsiebzig war. Chefetage.

...

"Was machst du denn hier!" Eigentlich war das mehr eine Frage, aber der Oberaufseher von Halle sechzehn hatte die seltene Gabe, jeden Satz mit mindestens einem Ausrufezeichen am Ende zu sprechen. Er war auf einem seiner Routinerundgänge gewesen und fing mich auf dem Weg vom Fahrstuhl zu meinem Arbeitsplatz ab.
"Ich hatte Pause."
"Pause! Soll ich dir mal was sagen! Ich sag dir jetzt mal was! Pause ist zwischen zwölf und zwölf dreißig! Nicht um zwölf fünfunddreißig, nicht um zwölf achtundvierzig und schon gar nicht um..." Er warf einen prüfenden Blick auf die große Uhr unter der Hallendecke. "... und schon gar nicht um dreizehn siebzehn! Klar!"
"Ja, natürlich, Sir. Aber an meiner Maschine ist der Auswurfstutzen kaputtgegangen, darum musste ich nacharbeiten und mein Schichtleiter hat mich später in die Pause..."
"Wie bitte! Du machst erst deine Maschine kaputt und dann hast du unglaubliche Dreistigkeit, dieses Fehlverhalten mit einer längeren Pause zu belohnen!"
"Sir, bei allem Respekt... nicht ich habe den Auswurfstutzen..."
"Das ist mir doch egal! Wer ist denn dein Vorarbeiter!"
"Shoemaker, Sir."
"Soso... Shoemaker! Na dann, wollen wir uns doch mal mit Mister Shoemaker unterhalten!"

Es hatte etwas Entwürdigendes, wie der Hallenaufseher mich am Ohrläppchen hinter sich an ölig schwitzenden Maschinentürmen vorbei einmal quer durch den Raum zog und schließlich vor Shoemakers Arbeitstisch zum Stehen kam. Der war gerade dabei, in irgendeiner Tabelle irgendwelche Posten mit irgendwelchen Zahlenwerten anderer Tabellen zu vergleichen und entsprechend gut gelaunt. Shoemaker liebte Zahlen.
"Sir, was kann ich für Sie tun?"
"Dieser Arbeiter hier behauptet, seine verlängerte Pause wäre von Ihnen autorisiert gewesen! Stimmt das! Sie wissen, dass wir seit den gestrigen Ereignissen die Sicherheitsvorschiften verstärkt haben!"
"Nicht so ganz, Sir. Er hat die Pause nicht verlängern dürfen, er hat sie verschoben."
"Warum erzählst du mir dann, du hast die Pause verlängert!" Der Hallenaufseher blickte mich wutschnaubend an, als wollte er mir mit seinen Augen das Mark aus meiner Seele schälen.
"Sir, ich habe nie..."
"Ach, ist ja auch egal! Zurück an die Arbeit! Wir klären das hier und dazu brauchen wir dich nicht! Deine Anwesenheit in dieser Angelegenheit ist ineffizient!"

Ich ging also an meinen Arbeitsplatz - Gang dreizehn, Station vierundzwanzig - setzte meinen Helm mit der integrierten Schwarzlichtlampe auf und betätigte den Knopf für den Auswurfstutzen. Meine Arbeit war eigentlich nicht weiter schwer. Nachdem ich den Knopf gedrückt hatte, kam ein Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn aus dem Auswurf gepoltert. Dem unterzog ich einer eingehenden Prüfung, untersuchte Form, Farbe, Härtegrad und die Gravur an der Unterseite. Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn - Originalfabrikat stand dort. Und eine Seriennummer.
Wenn alles in Ordnung war, machte ich neben der Seriennummer einen Haken im Qualitätsicherungsprotokoll, warf den Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn in den Auswurfstutzen und drückte den Knopf für das nächste Exemplar. Wenn etwas nicht in Ordnung war, machte ich stattdessen neben der Seriennummer ein Kreuz im Qualitätsicherungsprotokoll, warf den Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn in den Auswurfstutzen und drückte den Knopf für das nächste Exemplar.
Vermutlich würde später jemand die Protokolle durchsehen und die defekten Werkstücke aus dem Container aussortieren. Die Nachtschicht wahrscheinlich.
Und so verbrachte ich die nächste halbe Stunde mit dem Sortieren von Werkstücken und warf immer wieder einen prüfenden Blick auf meine beiden Vorgesetzten, die vermutlich gerade über die Schwere meiner Regelübertretung diskutierten und sich die Auswirkungen desselben auf den Betriebsablauf und meine persönliche Zukunft ausmalten. Es wurde wild gestikuliert und vermutlich heftig diskutiert.

"Die haben dich auf dem Kieker." Will, mein Nachbar von Station fünfundzwanzig, beugte sich möglichst unauffällig zu mir herüber und flüsterte so laut, dass sogar der Kollege von Station zwei es hören musste.
"Wie meinst du das?"
"Naja, die beobachten uns. Erst haben die nur mich beobachtet, aber jetzt beobachten die uns alle."
"Ich weiß. Das sagst du immer."
"Ja, aber ich habe Recht. Letztens hat mir Shoemaker einen guten Abend gewünscht."
"Und?"
"Der steckt doch da mit drin. Die stecken da alle mit drin."
"Weil er dir einen guten Abend wünscht?"
"Ich sag dir, der weiß was." Will wandte sich wieder ab und, prüfte zwei, drei Werkstücke. Dann kam er zurück zu mir. "Der weiß was, weil er da mit drinsteckt."
"Wo?"
"Na, bei denen. Ich meine, woher sollte er sonst wissen, dass ich zu dem Treffen gehe." Auf Ins Morgen - eine Art Untergrundorganisation, die im metaphorischen Keller des Hauses operiert und von dort aus strategische Schläge gegen die Obrigkeit unternimmt. Mehr Geld für alle, weniger Arbeit, mehr Freizeit, alles für alle, Gerechtigkeit und so.
"Das wusste er?"
"Er hat mir vorher nie einen guten Abend gewünscht. Verstehst du das nicht?"
"Wie war das Treffen denn?"
"Hat nicht stattgefunden. Ich habe die anderen gewarnt. Aber bald haben wir die bei den Eiern, das sag ich dir."
"Ja?"
"Hast du von Etagenführer Gilbert gehört? Der Obermacker von Etage dreiundzwanzig?"
"Was ist mit dem?"
"Der gehörte auch zu denen. Bis gestern. Meine Leute haben ihn..."
"Administrativ entsorgt?"
"Wir haben die bei den Eiern. Ich sags dir. Und jetzt haben die dich auf dem Kieker. Glaub mir, das endet nicht gut."

Als dann die kleine grüne Lampe an meinem Arbeitstisch leuchtete - das Zeichen, sich sofort beim jeweiligen Schichtleiter zu melden - bedeutete das für mich, dass ich jetzt mein Urteil verkündet bekommen würde. Ich trottete also zu Shoemakers Arbeitstisch zurück.
"Ah, da bist du ja endlich!" Der Oberaufseher sah mich mit hasserfüllten Augen an. Zum Teil war das sein normaler Gesichtsausdruck, zum Teil sicher auch darin begründet, dass ich ihm Arbeit machte. "Ja. Meine Lampe hat geleuchtet und darum..."
"Jaja, schon gut! Also, wir haben die Sachlage besprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass wohl alles in Ordnung ist! Du kannst also wieder an deinen Platz!" Damit wandte er sich von Shoemaker und mir ab und ging, um... naja, um das zu tun, was ein Hallenaufseher so tut. Shoemaker lächelte und klopfte mir auf die Schulter.
"Machen Sie sich nichts draus. Der ist ein Arschloch. Tut mir ehrlich leid. Ich meine, ich hab Ihnen ja gesagt, dass es okay ist. Naja, was solls. Ich nehme an, seit gestern sind die alle ein wenig paranoid hier."
"Gestern?"
"Ja. Es hat da einen unschönen Vorfall gegeben und jetzt sucht man fieberhaft nach dem Verursacher in der Hoffnung, dass es sich nicht wiederholt."
"Verstehe. Ich sollte dann wirklich wieder an meinen Arbei..."

Weiter kam ich nicht. Eine Sirene brachte die Luft zum Beben und jegliche Kommunikation und Arbeit in der gesamten Halle zum Stillstand. Alles wurde stehen- und fallengelassen, Handlungen unterbrochen und Gespräche auf einen Schlag beendet. Wie von unsichtbarer Hand geführt, wandten sich alle Blicke der großen roten Tür am Kopfende des Saales zu, die sich nun mit einem kaum hörbaren, aber dennoch vorhandenem Knarzen öffnete. Revision.
Hindurch trat ein hutzeliges Männchen, dessen gigantische Brillengläser schon von Weitem zu erkennen waren und das sich nun mit kleinen Trippelschritten Shoemakers Tisch näherte. Mein Schichtleiter schien mit jedem Meter, den die Entfernung zwischen ihm und seinem baldigen Gast schrumpfte, mehr an seiner Selbstsicherheit zu verlieren. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, stattdessen bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn.
"Sind Sie hier der Schichtleiter?", fragte das Männchen.
"Mein Name ist Shoe... Shoemaker."
"Macht ja nichts. Wir brauchen dringend einen Boten. Unsere sind alle tot. Oder krank. Oder wasweißich. Irgendwer hat bei der Suche nach unserem gestrigen Agitator mächtig Scheiße gebaut und darum muss das hier", er deutete auf den roten Umschlag in seiner Hand, "schnellstmöglich nach oben."
"Oben? Verwaltungsverwaltungsetage fünfzig?"
"Nein, Nach ganz oben. Einundsiebzig." Spätestens jetzt hätte man in der Halle eine Stecknadel fallen hören können. Shoemaker schluckte schwer und deutete auf mich.
"Wie... wie wäre es mit... mit ihm?"
"Geht mir total am Arsch vorbei. Irgendwer, der weiß, wie man seine Füße bewegen muss, damit man nicht rückwärts läuft. Klar?"
"Ja... ja, klar", nickte Shoemaker, froh, dass der Kelch an ihm vorüber gegangen war, während das Männchen aus der Revision mir den Umschlag in die Hand drückte.
"Beeilen Sie sich. Großer Gott, nehmen Sie die Beine in die Hand!"
"Alles klar. Wie komme ich dahin?"
"Mit dem Fahrstuhl."
"Sir, unser Fahrstuhl fährt nur bis zur Kantine. Von dort habe ich nur die Berechtigung für Lift 53 Strich Alpha, der direkt in den dreiundfünfzigsten führt."
"Was ist da denn?"
"Da wohne ich."
"Hmm... okay, nehmen Sie den hier." Er reichte mir einen Schlüssel. "Der ist für den 22 Strich Gamma. Der führt in die Zweiundzwanzig. Von dort müssen Sie in die Vierundzwanzig und von dort in den 50 Strich Delta. Dreiundzwanzig ist gesperrt, wegen gestern, also müssen Sie die Treppe nehmen. Der 50 Strich Delta führt bis in den fünfzigsten Stock. Von dort gehen Sie in Büro G7 und fragen nach Cliff."
"Wer ist Cliff?"
"Keine Ahnung. Hoffentlich jemand, der den Schlüssel zu 0 Strich Alpha hat. Der einzige Lift, der an den Wohnetagen vorbei in die Einundsiebzig führt. Das ist der schnellste Weg."
"Okay... also erst mit dem 3 Strich Gamma in die Zweiundzwanzig, dann mit dem..."
"Dafür ist keine Zeit! Laufen Sie schon, Mann!"
Ich lief.

...

"Pete, was machst du denn hier oben?"
"Die Dreiundtfantfig ift gefperrt." Der alte Mann war gerade dabei, die Fahrstuhltüren aller Lifte, die nach oben fuhren, mit Klebeband zu versperren. Wir waren im Zweiundzwanzigsten.
"Ja, die Sache mit Gilbert. Hab davon gehört. Weiß man schon, wer dahinter steckt?"
"Nein. Darum ift hier auch allef gefperrt." Pete bückte sich nach der Schere, woraufhin seine Gelenke lautstark knackten.
"Autsch."
"Ach, nicht fo wild. Wo mufft du denn eigentlich hin?"
"Vierundzwanzig."
"Dann nimm am beften die Treppe."
"Die ist nicht gesperrt?"
"Keine Ahnung. Ich weif nur, daff ich hier abkleben foll."
"Okay, alles klar. Danke, Pete." Ich ging zur Treppe. "Ach, und Pete? Pass auf, dass du das Klebeband richtig rum klebst. Sonst sperrst du die Lifte in die falsche Richtung."

Ich erklomm also die Treppe Richtung Vierundzwanzig. An der Dreiundzwanzig hielt ich kurz inne und überlegte, ob ich einen Blick auf den Flur werfen sollte. Aber das hektische Stimmengewirr und die Sirenen auf der anderen Seite der Tür ließen mich davon Abstand nehmen. Außerdem hatte ich ja noch etwas vor.
In Etage vierundzwanzig angekommen, gab es keinen 50 Strich Delta. Ich fragte einen vorbeikommenden Anzugträger.
"50 Strich Delta? Da müssen Sie einmal quer durch. Der ist auf der anderen Seite der Etage."
"Wer auch immer dieses Haus geplant hat, hat ein ernstes Problem."
"Wem sagen Sie das...", grummelte er. "Wussten Sie, dass es hier Fenster gibt, die nach Innen zeigen?"
"Nach Innen?"
"Ja. Wenn man hineinsieht, sieht man nicht, was draußen ist, sondern man sieht in den Raum hinein."
"Sie meinen wie bei einem Spiegel?"
"Kann schon sein, ja."
Ich ließ ihn stehen und machte mich auf den Weg. Anzugträger waren mir schon immer suspekt gewesen. Nachdem ich den Schildern Richtung 50 Strich Delta eine Weile gefolgt war, hörte ich auf einmal Schritte hinter mir. Es war, als würde sich eine ganze Büffelherde durch die Gänge bewegen. Als ich dann von einer behandschuhten Hand grob beiseite gestoßen wurde, sah ich die Sicherheitskräfte an mir vorbeirennen.
Der Sicherheitsdienst bestand aus den größten, stärksten und grobschlächtigsten Typen, die gerade eben so noch intelligent genug waren, sich die Rüstung richtig herum anzuziehen. Sie trugen schwer gepanzerte Uniformen und schienen sich selbst von einer Atombombe nicht aufhalten zu lassen.
Ich drückte mich an die Wand und versuchte, so dünn wie möglich zu sein, um nicht einfach von ihnen überrannt zu werden.

Die Männer stampften in einen Seitengang und brachen eine der Bürotüren auf. Ich beugte mich vorsichtig um die Ecke und erhaschte einen Blick auf die Überreste der Holztür. Archivierungsfragen D bis F - Jenkins/Walker stand auf dem Schild. Der Name kam mir sehr bekannt vor. Und richtig, die Sicherheitsleute schleiften meine Pausenbekanntschaft aus dem Büro und zogen den wild zappelnden Mann auf den Gang hinaus.
"Harry Jenkins, Personalnummer eins eins drei sieben vier neun zwei drei vier sieben Strich Delta!", bellte einer der Sicherheitsmänner, vermutlich ihr Befehlshaber. Oder einfach nur derjenige, der am besten Zahlen lesen konnte.
"Ja... ja, das bi...", begann er, aber einer der Männer schlug ihm hart in die Magengegend.
"Sie stehen unter dem Verdacht, Mitglied einer subver... sub... ve... einer gemeinen Organisation zu sein und für das Attentat auf den Etagenaufseher Dreinundzwanzig, Mister Harry Gilbert, verantwortlich zu sein. Kraft meines Amtes und den Gesetzen der hiesigen Echs... Exeku... Kuti... den Gesetzen halt, nehme ich Sie hiermit in Gewahrsam. Haben Sie einen letzten Wunsch?"
"Ich habe nichts getan! Ich war nicht... ich meine... ich weiß gar nicht... Was denn für eine Organisation?"
"Das hat Sie nicht zu interessieren!"
Einer der anderen Sicherheitsleute sah mich und runzelte nachdenklich die Stirn. Vermutlich tat er das, weil er mal gesehen hatte, wie andere Leute die Stirn runzeln, wenn sie nachdenken. Er nestelte an seiner Uniform und holte einen Zettel hervor. Sein Blick wanderte von meinem Gesicht zu dem Foto und wieder zurück. Dann klingelte es.
"Das ist er!", schrie er aufgeregt.
"Wer ist was?" Der Befehlshaber schien nicht sehr erfreut, unterbrochen worden zu sein. Es hatte den Faden verloren und es würde eine Weile dauern, ihn wiederzufinden.
"Das ist der Mann, der mit ihm zusammen war in der Pause."
"Nun... also... dann nehmen Sie sich vier Männer und schnappen Sie den Kerl!"

Ich rannte. So schnell wie ich noch in meinem Leben gerannt war.

...

Sonderbeauftragter Beulenausbesserungsausschuss - Bernstein stand auf dem Schild neben Büro G7.
Ich klopfte, aber nichts passierte. Ich klopfte erneut und wieder geschah nichts. Also öffnete ich die Tür und trat ein. Bevor ich irgendwie reagieren konnte, wurde ich von hinten gepackt und an die Wand gepresst. Jemand stand hinter mir, drückte mir ein Messer an die Kehle und schloss mit dem Fuß die Tür.
"Bist du allein?", zischte er.
"Cliff?"
"Ich hab gefragt, ob du allein bist!"
"Ja. Ja, ich bin allein."
"Was willst du hier? Woher weißt du, wo ich bin?"
"Es steht auf dem Schild. Neben der Tür."
"Dieses gottverdammte Schild! Irgendwann bringe ich es um!"
"Ja... gute Idee. Können Sie mich vielleicht erst loslassen?"
"Sekunde..." Er tastete mich von oben bis unten ab und als er sicher zu sein schien, dass ich keine Schwerter oder Maschinengewehre unter meiner Jacke versteckt hatte, trat er zurück.
"Cliff", sagte er und streckte mir seine Hand entgegen. Ich sagte ihm meinen Namen. Cliff lachte und zeigte mir einen Mund voller gelblich und teilweise ins leicht Bräunliche spielende Zahnstumpen. Er wischte sich die verschwitzten Hände an seinem speckigen Overall ab und steckte sich eine Zigarette in den Mund.
"Donnerwetter... du bist es also. Dann hat der Plan funktioniert."
"Plan?"
"Denkst du, es ist Zufall, dass du hier bist?"
"Ich bin hier, weil ich diesen Brief..."
"Ach ja, der Brief. Wichtig wichtig. Muss dringend nach ganz oben. Ich sag dir mal was." Und dann erzählte Cliff mir vom Plan. Einem schrecklich komplizierten Plan.

"Wäre es nicht leichter gewesen, einfach selbst hochzugehen und alles kurz und klein zu schlagen?"
"Vielleicht. Aber wir sind nicht irgendwer. Wir sind Auf Ins Morgen!"
"Ach so."
"Und es wird ein gutes Morgen! Wusstest du, dass es in diesem ganzen Haus kein einziges Fenster gibt? Es gibt nur eine einzige Tür, die nach draußen führt und die war noch niemals offen. Und weißt du noch was? Wenn du mit der Mission Erfolg hast, dann werden wir sie öffnen."
"Und dann?"
"Dann gehen wir raus."
"Verstehe. Was soll ich tun?"
"Kannst du dir das nicht denken?" Ich konnte es mir denken. "Hier, nimm das mit." Cliff reichte mir einen eingepackten Gegenstand, dazu den Schlüssel für Fahrstuhl 0 Strich Alpha, der direkt in Etage Einundsiebzig führte, klopfte mir noch einmal auf die Schulter und schon mich aus der Tür zurück in den Gang.
"Viel Glück, Junge."

Natürlich lief ich den Wachleuten direkt in die Arme. Als ich sie auf mich zukommen sah, drehte ich mich in irgendeinen Quergang und rannte wie der Teufel.
Ich hörte die Sicherheitskräfte hinter mir, hörte ihre schweren Stiefel auf den Steinboden hämmern, hörte ihre Befehle, die sie mir hinterherbellten. Putz bröckelte von der Wand. Einer der Wachleute hatte offensichtlich keine Lust mehr zu laufen und hatte geschossen. Weitere Schüsse folgten, aber ich konnte im letzten Moment um die Ecke sprinten. Ihre Rüstungen machten sie langsam.
Alarm wurde ausgelöst, Sirenen brachten die Luft zum Kochen, grelle Lichtblitze meine Augen. Meine Muskeln brannten, meine Lunge pumpte, mein Kopf war leer. Einfach nur laufen, nicht umsehen, nicht stehen bleiben. Schüsse hallten und ich zog den Kopf ein. Ein letzter Hechtsprung und ich hatte den 0 Strich Alpha erreicht. Eintreten, den Schlüssel drehen, den grünen Knopf drücken und los gings.
Atempause.

...

Der Fahrstuhl hielt im einundsiebzigsten Stock. Eigentlich war es nur ein gigantischer Raum, dessen Boden und Wände mit metallisch spiegelnden Platten verkleidet waren. Die Decke war einfach schwarz. Seltsam gleichmäßiges Licht ohne erkennbare Quelle erhellte den Raum, der abgesehen von einem Schreibtisch und dem Fahrstuhl vollkommen leer war.

Wirklich ein sehr komplizierter Plan. Harry Jenkins hatte den Schlüssel besorgt, indem er den Etagenaufseher von dreiundzwanzig getötet hatte. Er war auch der Köder. Sollte sich mit mir treffen, damit die Sicherheitsleute auf mich aufmerksam werden. Als Opfer des Systems sollte ich zu seinem Feind werden.
Mein Kollege Will hatte mich ausgesucht. Vermutlich hat er auf irgendeiner konspirativen Sitzung meinen Namen genannt und so wurde ich ihr Kontaktmann. Shoemaker hatte den Auswurfstutzen manipuliert und der Revisor mir den Brief natürlich nicht zufällig in die Hand gedrückt. Die hingen da alle mit drin. Mehr Geld für alle, weniger Arbeit, mehr Freizeit, alles für alle, Gerechtigkeit und so.

"Da bist du ja", sagte eine Stimme. Seltsam, dass mir nach alldem das plötzliche Fehlen seines Sprachfehlers am bemerkenswertesten schien.
"Da bin ich. Hallo, Pete."
"Wirst du es zu Ende bringen?" Der Hausmeister saß in dem abgewetzten Schreibtischstuhl und lächelte.
"Woher weißt du von dem Plan?"
"Rate mal, wer dem Widerstand gesagt hat, wie sie an den Schlüssel kommen."
"Dann war das alles nur ein Spiel?"
"Nein, es ist absoluter Ernst. Weißt du, wie alt ich bin?"
"Manche im Haus schätzen es auf etwa Tausend."
"Eines Tages hatte ich die Idee, ein Haus zu bauen. Ich setzte einen Stein auf den nächsten, plante Rohrleitungen, baute Raum um Raum, Stockwerk um Stockwerk. Und irgendwann wurde es groß. Es wurde richtig groß."
"Du hast dieses Haus alleine gebaut?"
"Einer muss es ja gemacht haben, oder?" Er grinste. "Irgendwann kamen Menschen und wollten in meinem Haus wohnen. Ich habe sie gelassen. Sie wollten arbeiten. Ich habe sie gelassen. Ich habe alles zugelassen und irgendwann habe ich den Überblick verloren."
"Darum also die ganzen Schilder?"
"Ein Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Aber es geht nicht. Es geht einfach nicht. Ich gebe auf, und du wirst mir helfen."
Ich zog den Gegenstand aus meiner Tasche, den Cliff mir gegeben hatte.
"Ein Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn, wenn ich mich nicht irre", sagte Pete. "Gute Wahl. Die meisten halten es für einen Briefbeschwerer. Weißt du, wie es funktioniert?"
"Nein... nein, ich habe keine Ahnung."
"Hier, nimm das." Er griff in seine Schreibtischschublade und warf mir ein Heftchen zu. Die Bedienungsanleitung für das Dreiundzwanzig A Strich Neunzehn. Ein Produkt, einzig und allein zu dem Zweck entwickelt, Petes Existenz zu beenden. "Wenn du soweit bist, vergiss nicht, diesen Knopf zu drücken. Er wird die Tür des Hauses öffnen."
"Warum drückst du ihn nicht selbst, Pete? Wir könnten einfach gehen und alles wäre gut..."
"Nein. Nein, das bringe ich nicht übers Herz. Das hier ist mein Lebenswerk, verstehst du?"
"Verstehe."
"Und nun tu, was du tun musst." Ich dachte einen Augenblick nach.

Danach öffnete ich die Tür.