fantasy
Regionalverbund X gegen die Superentzugsmaschine
(c) 2010 gnoebel
Meine Mutter kann mit bloßen Händen Waffeln backen. Alles, was sie dazu braucht, ist Teig und Konzentration.
Sie ist eine ganz normale Frau in ihren frühen Fünfzigern, sorgt sich um den Haushalt, liest gerne ein gutes Buch und auch haufenweise schlechte, sie bastelt zu Weihnachten kleine Sterne aus Strohhalmen, trifft sich einmal die Woche mit ihren Freundinnen zum Canasta, macht den besten Nudelauflauf der ganzen Welt und sie kann ihre Hände zum Glühen bringen.

Möchte man jetzt am liebsten denken, dass dies eine eher ungewöhnliche Fähigkeit für eine Mittelklassehausfrau ist, dann würde man mit diesem Gedankenwunsch genau ins Schwarze treffen. Ich kenne sonst niemanden, der so etwas kann. Ich kenne jemanden, dessen Haare Meteoriteneinschläge überstehen, einen Typen, dessen Augen im Dunkeln leuchten, diese Frau, die ihre Brüste durch Konzentration in Form und Größe beliebig verändern kann, da gibt es diesen Kerl, der Schals mit Lichtgeschwindigkeit strickt und natürlich die Frau, aus deren Augenbrauen pinke Laserstrahlen schießen. Keine tödlichen, mehr so Richtung Laserpointer. Aber die Waffelnummer gibt es wirklich kein zweites Mal. Mein Vater kann übrigens Comics lesen, indem er nur einen kurzen Blick auf das Cover wirft und den Inhalt auf die Art quasi aufsaugt. Und meine Schwester? Nun, sie ist die Frau mit den Augenbrauenlasern.
Alles für sich genommen einzigartige Fähigkeiten - aber in einer Welt, in der jeder Mensch Superkräfte hat und dazu mindestens eine zweite Identität inklusive zugehörigem Superheldenanzug, Maske und einem Namen mit Captain, Mister oder Amazing besitzt, ist es nichts Besonderes, etwas Besonderes zu können. Besonders wird es vielmehr, wenn man nichts Besonderes kann. Und da komme dann ich ins Spiel.

"Hiermit eröffne ich die heutige Sitzung unseres Clubs der globalen Antiheldenvereinigung, Regionalverbund X. Auf der Tagesordnung..."
"Können wir nochmal über den Namen unseres Clubs reden?"
"Was hast du gegen X?" Dies ist nicht unsere erste Sitzung und daher weiß ich, worauf Holgi, der alte Querulant, hinauswill.
"Ich hab nichts gegen X", bestreitet Holgi, dessen Sackhaare radioaktiv strahlen - und das weiß ich nur aus Erzählungen. "Wirklich nicht. Ich hab da nur eine Frage: Warum X?"
"Erstens steht das X in der internationalen Symbolsprache für ein Kreuz, womit wir andeuten, dass wir gegen diese so obszön zur Schau gestellte Superheldenhaftgikeit unserer Mitmenschen..."
"Abgesehen von Denise." Schnuppe, der aus seinen Tränen Lebertran destillieren kann, grinst und wir alle wissen, warum. Denise ist seine Nachbarin. Ich sage nur Konzentrationsbrüste.
"Abgesehen von Denise. Natürlich. Aber abgesehen von Denise sind wir dagegen. Zweitens ist X ganz weit hinten im Alphabet, wodurch die Organisation einfach größer wirkt, weil jeder denkt, es gäbe auch die Verbünde A bis W. Und außerdem klingt X einfach verdammt cool."
"Y wäre noch weiter hinten", weiß Holgi. "Und außerdem sind wir nur zu Dritt."

"Entschuldigung, ich will ja nicht stören", stört der Mann vom Tisch nebenan. "Aber ich hatte vor ner halben Stunde einen Kaffee bestellt."
"Jaja, schon okay." Ich stehe auf, zupfe meine Schürze zurecht und hole dem Gast seinen Kaffee. Milch, zwei Stück Zucker, dazu ein kleiner Keks zum Stippen.
Wenn man über keinerlei Superkräfte verfügt, gibt es nicht allzu viele Alternativen auf dem Arbeitsmarkt. Ohne hellseherische Fähigkeiten hat man als Börsenmakler zum Beispiel keine Chance. Wer als Arzt nicht durch bloßes Handauflegen Krebs heilen kann, braucht gar nicht erst das Studium anfangen. Ähnliches gilt für Anwälte und die Fähigkeit, Golfbälle mit reiner Atemkraft ins Loch zu husten. Aber auch weniger gut bezahlte Jobs kommen nicht in Frage. Fensterputzer, der nicht fliegen kann? Informatiker, der keinen Strom in den Venen hat? Frisör ohne superscharfe Klingenfingernägel? Gibt es nicht.
Als Kellner hingegen muss man nur Kaffee tragen können und das geht auch ohne Stahlmukkis.

Klingt jetzt vermutlich alles so, als wäre ich ein verbitterter Außenseiter, der ganz furchtbar neidisch auf seine Mitmenschen ist und ihnen ihre Spandexanzüge missgönnt. Aber ganz so ist es nicht. Ich will gar nicht dazugehören und ich will auch nicht Feuer spucken können oder so, aber müssen die Anderen mir wirklich jeden Tag aufs Brot schmieren, dass ich nicht dazugehöre?
Warum musste meine kleine Schwester mir früher jeden Morgen beim Frühstück in die Augen leuchten, so dass ich den ganzen Tag diese kleinen grünen Punkte im Blickfeld hatte? Warum suchen Frauen unbedingt einen Partner, der mindestens Eiswürfel popeln kann und achten nicht einfach auf die Penislänge? Warum wird man in der Schule gehänselt, nur weil man die Mathelehrerin nicht per Röntgenblick nackt sehen kann? Eben. Ich umgebe mich einfach ganz gerne mal mit Leuten, denen es egal ist, was ich bin und was nicht.

Holgi ist jetzt 25 und lebt mit seiner Mutter in einer Art Wohngemeinschaft, die darin besteht, dass sie die Wäsche wäscht, das Essen kocht und Staub saugt, wofür er sich mit einem kleinen Zimmer in der Wohnung begnügt, für das er keine Miete zahlt. In der Schule wurde er immer mit mir zusammen verprügelt, bis er eines Tages endlich den Mut fand, vor der versammelten Klasse die Hosen runterzulassen und allen zu beweisen, dass er einer von ihnen war. Danach wurde er dann verprügelt, weil Teenager einfach grausam sind. Gerne wäre er auch ein Superheld, aber erstens konnte er sich ums Verrecken keine Situation ausmalen, in denen radioaktive Schamhaare den Tag retten könnten, ohne sich lächerlich zu machen und zweitens würde seine Mutter das niemals erlauben.
Schnuppe hingegen verachtet Superhelden zutiefst. Erblich bedingt. Schnuppes Vater ist nämlich niemand geringerer als Doctor Chaos (aD), der übelste Superschurke überhaupt. Hätte doch niemand ernsthaft geglaubt, dass jeder Mensch seine Kräfte nur dafür einsetzt, Waffeln zu backen, Lehrerinnen nackt zu sehen und Katzen aus Bäumen zu retten, oder? Nein, es gibt auch immer wieder Menschen, die alles in ihrer Macht stehende versuchen, andere Menschen zu unterdrücken und soviel Bösartigkeit wie möglich zu verbreiten. Vor fünf Jahren hat Doctor Chaos dann den Hut an den Nagel gehängt und seinem Sohn das Geschäft vererbt. Doch Schnuppe weiß, analog zu Holgi, nicht so wirklich, wie man mit Lebertran die Welt vernichten kann. Darum sitzt er einmal die Woche mit uns beiden an meinem Arbeitsplatz und leistet passiven Widerstand.

"Wie wäre es mit Doppel-X?", innoviert Schnuppe, als ich wieder zurück an den Tisch komme.
"Als Name jetzt?"
"Würde unsere Intention verdoppeln. Doppelt dagegen und so."
"Das ändert gar nichts", grummelt Holgi, der alte Klugscheisser, und ich kann nicht anders, als ihm nickend Recht geben. "Man kann ein Problem nicht umgehen, indem man die Ursache verdoppelt."
"Außerdem haben wir uns über den Namen schon letztes Mal geeinigt", ergänze ich. "Und vorletztes Mal. Und davor. Und davor. Wie wäre es, wenn wir uns mal über unsere geplanten Aktionen unterhalten."
"Genau! Wir müssen endlich handeln und diese verdammte Superheldenplage ein für alle Mal vernichten."
Es folgt eines dieser Geräusche, die man nicht wirklich in Worte fassen kann. Geräusche, die immer dann entstehen, wenn eine Gruppe Menschen zur gleichen Zeit das gleiche tut. Auch wenn jeder Einzelne dabei keinen Ton von sich gibt, addiert sich diese aggressive Stille zu genau dieser unangenehmen Wahrnehmung, die einem Beobachter suggerieren soll, dass hier ein Haufen Menschen gerade aufmerksam geworden ist. Ein Beispiel wäre das Geräusch, wenn zwanzig Männer in einem Comicladen zur Tür starren, weil eine Frau den Raum betreten hat. Unangenehm wird dieses Phänomen erst dann, wenn dieses Geräusch entsteht, weil sämtliche Gäste eines Restaurants den Kopf in Richtung genau des Tisches drehen, an dem man selbst sitzt und man zufällig nicht unsichtbar ist.
"Nimms mir nicht übel, Schnuppe", meine ich einfühlsam, "aber manchmal frage ich mich, ob du morgens beim Kacken vom Klo gekippt bist. Ehrlich, wie doof kann man sein? Man setzt sich auch nicht zwischen einen Haufen Kühe und sagt, Flecken sind scheiße."
"Warum nicht? Die verstehen einen doch eh nicht."

Ich komme nicht zum Antworten, was schade ist, da ich mir schon ein paar tolle Konter überlegt hatte - "Das hätten sie mit dir gemeinsam" zum Beispiel, oder "Wenigstens verstehen Kühe Metaphorik", oder "Wie kommt eigentlich dieses Fliesenmuster an deine Stirn" - aber der Fernseher über der Theke rettet Holgi von meinem spontanen Ausbruch unnachgiebiger Schlagfertigkeit.
Der Nachrichtensprecher sagt irgendwas von einem Banküberfall in der Lindenstraße. Bevor er den üblichen Hinweis der Polizei anbringen kann, dass zivile Hilfe nicht notwendig, sondern im Gegenteil gefährlich und der Polizeiarbeit hinderlich wäre, springen sämtliche Besucher des Lokals wie ein Mann aus ihren Stühlen auf, werfen beliebige Geldscheine auf den Tisch und reißen sich ihre T-Shirts entzwei. Und dann ziehen sie los, all die Mister Metropolisse und Awesomemans dieser Stadt, verbergen ihre Gesichter hinter Masken und bilden einen Pulk aus bunter Kunstfaser vor der Bank, einen undurchdringlichen Wall aus purer Superheldigkeit.

"Also, wie gesagt", wiederholt Schnuppe. "Diese Superhelden find ich echt lästig." Dann grinst er. Ein wenig zu diabolisch nach meinem Geschmack.

...

Am nächsten Morgen wache ich auf und alle sind tot. Ziemlich.
Der Tag beginnt eigentlich, wie jeder andere auch. Die automatische Zeitansage aus dem Radiowecker informiert mich, dass es Punkt halb sechs Uhr morgens wäre und ist damit zum Glück das erste, was ich an diesem Tag höre, überzeugt sie mich doch jeden Morgen aufs Neue, dass ein Tag, der mit dieser Stimme im Ohr beginnt, auf jeden Fall nur noch besser werden kann. Ich versuche, diese Motivation solange wie möglich zu halten, während ich mich die üblichen zehn Minuten mit dem Duschkopf um warmes Wasser prügle, die morgendliche Funktion meiner Blase prüfe, mit der Zahnbürste ein wenig in meinem Mund rumfummel, mich anziehe und das Haus verlasse.
Beim Bäcker merke ich dann, dass heute etwas nicht stimmt. Der Laden ist nämlich geschlossen. Der Laden ist nie geschlossen, was mir ganz klar sagt, dass heute etwas nicht stimmt. In solchen Logiksachen war ich schon immer gut. Ich sehe mich auf der Straße um und bemerke, dass ich alleine bin. Niemand ist unterwegs. Mein erster Gedanke ist, dass heute vielleicht Sonntag sein könnte, aber dann hätte ich verkatert sein müssen. Logik.

Also mache ich mich wie jeden Wochentag zu Fuß auf den Weg zur Arbeit - ich muss um sieben Uhr da sein, die Küche putzen, die Stühle von den Tischen holen, den Kaffeeautomaten auffüllen und die erste Schüssel Erdnüsse für die Theke vorpulen. Ich erreiche die Hauptstraße, drehe mich nach links und sehe die ersten Menschen meines heutigen Tages. Tot. Oder wenigstens fast. Zehn Männer und Frauen. Sie tragen Abendgarderobe, liegen in dieser merkwürdig verstörenden Fötalhaltung auf dem Bürgersteig und halten sich den Kopf. Einige schreien, andere wimmern, die meisten jedoch weinen und liegen in ihrem eigenen Erbrochenen. Letzteres ist vollkommen eklig, aber das gehört nun mal dazu.
Es dauert ein wenig, bis ich ihre Wortfetzen verstehen kann, aber nach und nach kann ich es mir zusammenreimen. Irgendwann gestern Nacht hat es angefangen, ein stechender Schmerz, ausgehend von der Magengegend und sich dann durch den ganzen Körper verbreitend, bis es schließlich konzentriert im Kopf gelandet ist.
Ich zücke mein Handy und wähle den Notruf. Ich rufe die Polizei. Ich rufe die Auskunft an und frage nach der Nummer des nächsten Krankenhauses. Ich rufe bei meinen Eltern an. Ich rufe bei allen Leuten an, deren Nummer in meinem Adressbuch steht. Und sie alle haben eines gemeinsam - sie nehmen nicht ab. Stattdessen klingelt nun mein Handy. Schnuppe.

"Guten Morgen, Sonnenschein", trompetet es aus dem Telefon.
"Schnuppe? Warum gehst du nicht ran, wenn ich dich anrufe?"
"Du hast mich angerufen? Sowas... Ich hab hier keinen Empfang, sorry. Sitze in nem Berg und ruf vom Festnetz aus an."
"Seit wann hast du Festnetz?"
"Donnerstag."
"Und warum gibst du mir die Nummer nicht?"
Manchmal hört man einen Satz, nimmt die darin enthaltenen Informationen in sich auf und speichert sie in seinem Unterbewusstsein ab unter okay, das weiß ich jetzt, woraufhin das Gehirn den mitunter langwierigen Prozess der Verarbeitung und Einordnung dieser neuen Erkenntnisse in den Gesamtwissensschatz startet. Es dauert manchmal ein wenig, bis das Gehirn die wichtigen von den weniger wichtigen Informationen getrennt hat, und manchmal kategorisiert es im Eifer der ersten Überraschung auch anhand falscher Parameter, aber zum Schluss findet es immer Mittel und Wege, die wichtigsten Unklarheiten zu beseitigen.
"Und was zum Geier machst du in nem Berg?", fragt es also mit meiner Stimme.
"Hab ich dir etwa nie von der geheimen Basis meines Vaters erzählt?"
"Liegt die geheime Basis deines Vaters in nem Berg?"
"Teufelsberg."
"Dann hast du mir nie davon erzählt, nein."
Das Gehirn ist eine faszinierende Sache. Es wirkt zwar von Außen wie ein dummer Schwamm, den ein geisteskranker Grobmotoriker in Form geknetet und grau angemalt hat, aber hinter dieser Fassade verbirgt sich ein bemerkenswert cleveres Konstrukt. Es ist sogar in der Lage, Informationen, die während der Verarbeitung bestimmter Sätze temporär in den Hintergrund gerückt sind, nach deren Verarbeitung wieder in den Fokus des Interesses zu rücken.
"Übrigens sind wir beide die einzigen beiden Menschen, die noch aufrecht gehen können", fokussiere ich.
"Nein, nicht ganz. Holgi sollte es auch gut gehen. Immerhin sind wir Freunde."
"Moment mal, weißt du etwa davon?"
"Naja, lass es mich so ausdrücken... Habe ich dir jemals von der geheimen Superkraftentziehungsmaschine erzählt, die ich die letzten Wochen in der geheimen Basis meines Vaters gebaut habe?"

...

Holgi hat heute Sonntag.
Angesichts der Tatsache, dass für alle Anderen immer noch nicht Sonntag ist, war es ziemlich mutig von ihm, sich gestern Abend mit seiner Mutter vorm Fernseher mit Eierlikör zu betrinken, zumal er da noch gar nicht wissen konnte, dass sein Chef heute mit der Nase in seiner Kotze liegt und Holgi, die alte Saufkuhle, somit zu Hause bleiben und seinen Rausch ausschlafen kann.
Dass er nichts von alldem wusste, wird mir klar, als er im Bademantel seine Tür öffnet und mir dabei den Hauch des Verderbens ins Gesicht atmet. Fast so, als hätte er über Nacht eine neue Superkraft erhalten, die seine finsteren Feinde in die tiefsten Abgründe der Aromahölle schicken kann. Damit hätte er sicher endlich seine Karriere als Held anstreben können.
"Was machst du denn hier?", olfaktorisiert er mich in Grund und Boden.
"Ich, ähh... wie gehts deinen Sackhaaren?"
"Gut, schätze ich." Ich kenne komatöse Meerschweinchen, die einen cleveren Gesichtsausdruck haben, als Holgi in diesem Moment. "Danke der Nachfrage."
"Schnuppe hat eine Superkraftentziehungsmaschine gebaut und alle Menschen in sabbernde Föten verwandelt. Darum frag ich."
"Ach so."
"Wie gehts deiner Mutter?"
"Schläft." Schläft nicht. Ich folge Holgi in seine Wohnung und wir finden seine Mutter in ihrem Bett vor, wobei sie jedoch viel zu sehr damit beschäftigt ist, ihre Eingeweide im Körper zu behalten, um zu schlafen. Ich gebe Holgi ein paar Minuten, den Schock zu verdauen, aufzuwachen und sich zu vergewissern, dass er im Moment nicht das Geringste für sie tun kann.

Wenig später treffen wir uns in seinem Zimmer. Holgis Gehirn hat sich inzwischen mit seinem Unterbewusstsein über die wichtigste Information unseres letzten Gespräches geeinigt und startet eine entsprechende Aufklärungsaktion, die wie folgt klingt:
"Wieso hat Schnuppe eine Superentzugsmaschine?"
"Superkraftentziehungsmaschine."
"Ja... also, warum?"
"Was weiß ich. Du weißt doch, dass er Superhelden nicht ausstehen kann. Und jetzt hat er halt ne Maschine, die sie alle ausschaltet."
"Außer uns."
"Außer dich. Ich hab keine Kräfte, wie du weißt."
"Das bedeutet, wir beide sind die einzigen Menschen, die ihn stoppen können?"
"Sieht so aus."
"Es liegt also an uns, den Tag zu retten, das Böse von der Erde zu tilgen und unseren besten Kumpel hinter Schloss und Riegel zu bringen?"
"Schätze."
"Geil."

Als ich Holgi das letzte Mal besucht habe... nein, ich fang nochmal an. Da ich Holgi noch nie besucht habe, überrascht es mich in diesem Moment schon ein wenig, dass er in seinem Zimmer einen Kleiderschrank hat, dessen Ausmaße die meines Schlafzimmers nicht nur in den Schatten stellen, sondern auch dafür sorgen, dass sie sich vor lauter Scham nie wieder nach draußen trauen. Holgi öffnet die Tür, verschwindet einen Moment irgendwo zwischen seinen Klamotten und taucht ein paar Minuten später wieder auf. Er trägt grün.
"Ist das Spandex?"
"Cool, oder? Ich habs mir damals schneidern lassen, als ich Superheld werden wollte. Bevor Mama es verboten hat."
"Wofür steht SRM?"
"Super Radiation Man. Hier, ich hab auch was für dich." Er greift in seinen Schrank und holt einen Kleiderbügel hervor. Darauf hängt ein weiterer Superheldenanzug in rot. "Ich hab mir das früher genau überlegt und mir gleich noch nen zweiten Anzug für meinen Sidekick schneidern lassen."
"Du willst mich verarschen..."
"Willst du mit mir die Welt retten oder nicht?"
"Wenn die Option zur Pflicht wird, wird das Wollen zum Müssen", erfinde ich den albernsten Allgemeinplatz seit Wer nicht will, der hat schon, lasse mir den Anzug in die Hand drücken und probiere ihn an. Zu meinem Entsetzen sitzt er wie angegossen. Ich hoffe insgeheim, dass es am Material liegt und Spandex einfach immer passt. Die Alternative, dass Holgi seit seiner Kindheit von mir als seinem Sidekick träumt und mir den Anzug deshalb auf den Astralleib hat schneidern lassen, möchte ich aus offensichtlichen Gründen nicht in meinen Kopf lassen.
Holgi reicht mir einen Edding, ich male die Buchstaben NP (NoPowerMan) auf die Brust und wir reiten los. Auf unseren Fahrrädern.

...

Der Teufelsberg leuchtet im Dunkeln.
Im Moment ist noch helllichter Tag, aber selbst jetzt strahlt der Berg ein sympathisch blaues Leuchten aus. Das ist insofern ungewöhnlich, da die hiesige Landschaft es bisher an jeglicher Illuminiszenz hat vermissen lassen.
Noch haben Holgi und ich keine Ahnung, wie wir die geheime Basis von Schnuppes Vater finden wollen, geschweige denn, wie wir den Sohn von Schnuppes Vater von seinem Plan abbringen wollen. Wir könnten ihn vielleicht solange mit Steinchen bewerfen, bis einer davon unglücklich auf seiner Nase landet und ihm den Geruchssinn raubt. Und dann müsste man halt weitersehen. Oder wir improvisieren einfach.

Auf die erste Frage erhalten wir Antwort, als wir merken, dass die einstigen Erbauer anscheinend gedacht hatten, niemand würde auf die Idee kommen, ein Geheimversteck hinter einer in den Berg eingelassen Stahltür zu vermuten, über der mit großen roten Buchstaben Zutritt verboten geschrieben steht. Dieser durchaus interessante Ansatz umgekehrter Psychologie lässt uns dann auch tatsächlich zehn Minuten lang überlegen, ob wir der Aufforderung nicht doch lieber Folge leisten sollen, bis sich schließlich Holgis Superheldengewissen gegen mein generelles Unwohlsein durchsetzt und wir an der Tür klingeln. Ja, an der Tür gibt es eine Klingel. Problem damit?

"Sie wünschen?", sagt eine grässlich mechanisch klingende Stimme.
"Dass die verdammte Tür aufgeht, damit wir Schnuppe gepflegt in den Arsch treten können", antworte ich, zugegeben etwas grob.
"Ich habe Sie nicht verstanden", sagt die grässlich mechanisch klingende Stimme. "Sie wünschen?"
"Wir würden gerne die Welt vor den Mächten des Bösen retten, wenn es keine Umstände macht. Und eine dergestaltige Rettungsaktion ist ohne eine Öffnung dieser Tür weitgehend obsolet."
"Ich habe Sie nicht verstanden", sagt die grässlich mechanisch klingende Stimme. "Sie wünschen?"
"Dachte ich mir. Hab mich selbst nicht verstanden."
"Ich habe Sie nicht versta..."
"Einlass! Ich wünsche Einlass." Es klickt, als die Maschine offenbar ein neues Band einlegt.
"Erbitte Zugangscode", sagt die grässlich mechanisch klingende Stimme.
"Was weiß ich... fünf?"
Das nun folgende Rumpeln lässt die Erde erzittern. Links und rechts der Tür lösen sich Teile des Gesteins unter ein wenig zu übertrieben lautem Stöhnen und gleiten auf beeindruckend unsichtbaren Schienen nach unten. Es staubt erbärmlich, als Stein auf Stein reibt und schließlich erkennen wir, dass sich zwei Kammern seitlich des Tores geöffnet haben, in denen jeweils ein neckisches Maschinengewehr kauert, dessen Neckischkeit, wenn es so ein Wort überhaupt gibt, von der Tatsache nicht unwesentlich beeinträchtigt wird, dass die Läufe auf Holgi und mich deuten. Ein Laserscanner fährt über mein Gesicht und blendet mich auf genau jene penetrante Art, wie es sonst nur meine Schwester früher konnte.
"Zugangscode akzeptiert", sagt die grässlich mechanisch klingende Stimme. "Genießen Sie Ihren Aufenthalt."

Vom Öffnen der Tür über das Sprinten zweier frisch gebackener Superhelden durch das Gangsystem der geheimen Basis, inklusive Überwinden diverser tödlicher Fallen, bei denen neurotische Feuerspinnen, gigantische Steinkugeln, gemeingefährliche Bienen, extrascharfe Wurfspeere, giftgetränkte Puddingteilchen und nicht zuletzt auch ein paar bodenlose Todeslöcher gewichtige Rollen spielen, einer Pinkelpause und dreimaligen Verlaufens im Labyrinth des Verderbens, bis zum Erreichen des Hauptraumes vergeht kaum mehr als ein metaphorischer Wimpernschlag. Dennoch war es einen Tick komplizierter, als der letzte Satz.

Schnuppe trägt den Ausdruck des Wahnsinns im Gesicht und den Anzug seines Vaters an seinem Körper. Doctor Chaos ihm sein Sohn. Es gibt doch diesen furchtbar klischeehaften Spleen, den verrückte Weltherrscher so an sich haben, wenn sie ihre Hände auf diese ganz bestimmte Art vor ihrer Brust verschränken, kurz bevor sie ihren Oberkörper zurückbeugen und in ihr noch klischeehafteres Bösewichtslachen ausbrechen. Genau so muss man sich Schnuppe in diesem Moment vorstellen. Hinter ihm steht übrigens die Superkraftentziehungsmaschine, welche lustige Knistergeräusche und die ein oder andere statische Entladung von sich gibt.
"Ah, da seid ihr ja. Hat ja doch ne Weile gedauert."
"Holgi wollte vorher noch frühstücken." Die alte Fressmaschine.
"Aber gut, dass ihr da seid, dann kann ich euch gleich in meinen Plan einweihen."
"Ich nehme mal an, du hast mit dieser Maschine allen Menschen ihre Superkräfte geraubt und auf dich selbst übertragen, wodurch die Menschheit am Boden liegt und du als Supermann unter den Supermännern Herrscher des Universums wirst", wage ich einen Schuss ins Blaue.
"Äh... ja. Kommt hin." Eins muss man Schnuppe lassen. Seine kurzzeitige Verwirrung hat keine Auswirkungen auf seinen generellen Gesichtsausdruck. Hat er offenbar lange geübt. Beängstigend. "Aber ihr seid leider etwas zu spät, denn der Transfer ist bereits beendet." Und dann kommt das diabolische Bösewichtslachen. Hätte ich an seiner Stelle gelassen, weil das unter uns gesagt total albern aussieht und auch irgendwie unpassend ist. "Ich hätte euch übrigens gerne als Gehelfsschergen an meiner Seite, wenn ich die Welt erobere. Holgi, weil er einfach cool drauf ist und dich", meint er mich, "weil ich dir eh keine Kräfte nehmen kann."
"Danke für das Vertrauen in meine Schergenfertigkeiten", erwidere ich gewohnt schlagfertig, während Holgi, der alte Verräter, tatsächlich ein wenig rot im Gesicht wird. "Aber ich denke, wir lehnen dankend ab. Oder Holgi?"
"Ja, natürlich. Wir beide werden nämlich die Welt retten und dann sind wir endlich Superhelden."
"Okay, damit erkläre ich die globale Antiheldenvereinigung, Regionalverbund X als aufgelöst... ihr hattet die Wahl. Nun tragt die Konsequenzen!" Wieder dieses Lachen, diesmal passender, dann breitet Schnuppe die Arme aus und erhebt sich in die Luft, dreht ein paar Pirouetten, schießt ein paar Blitze aus seinen Augen, wirft einen Feuerball in sein Aquarium (hatte ich vergessen zu erwähnen, zwei Goldfische und ein hübscher Guppy), destilliert zum Spaß ein wenig Lebertran und demonstriert seinen Röntgenblick an mir. Nehme ich an, dass es Röntgen war, zumindest musste er lachen. Alles in allem eine recht beeindruckende Demonstration seiner neuen Fähigkeiten.

"Was machen wir jetzt?", panike ich, während ein Eisstrahl drei Zentimeter neben meinem linken Ohr an mir vorbeizischt.
"Keine Sorge, er will uns nicht treffen. Noch ist er in der Angeberphase."
"Du meinst, es gibt bei sowas Phasen?"
"Sicher. Steht alles im Superheldenlehrbuch. Schnuppe ist jetzt in Phase drei, Angeberei. Dann kommt Phase vier, in der er uns seinen Plan erklärt und fünf, in der er uns tötet."
"Er hat uns seinen Plan schon erklärt."
"Du meinst..."
"Keine Ahnung, was ich meine. Ich sage nur, dass er uns schon alles erklärt hat."
"Dann sind wir in Phase fünf und er ist einfach ein schlechter Schütze. Wir sollten uns beeilen."
"Okay, was hast du vor?"
"Laut Lehrbuch müssen wir nur die Polarität des Neutronenstroms umkehren", doziert Holgi, wodurch er sich für immer als der Jon Pertwee unter den Superhelden in mein Gedächtnis einbrennt, dem noch nur der Schraubenzieher zum Doktortitel fehlt. Er grinst. "Ich brauche dazu nur ein wenig Radioaktivität. Lenk ihn ab."
"Wie das?"
"Denk dir was aus. Du bist der Sidekick."

Ich tue also, wie mir geheißen und lenke Schnuppe ab. Zuerst probiere ich, ihn mit albernen Grimassen aus dem Konzept zu bringen, doch als mir kurz danach die Erfolglosigkeit dessen bewusst wird, springe ich wild durch die Gegend, was aufgrund meiner Kondition ebenfalls zum Scheitern verurteilt ist, gefolgt von einem improvisierten Popquiz, auf das Schnuppe aber nicht reagiert. Schließlich begnüge ich mich damit, ihn einfach obszön als Doofnase und so zu beleidigen, was mir interessanterweise gar nicht schwer fällt.
Als nach ein paar Minuten nicht nur die Maschine tüchtig zu stottern anfängt, wilde Blitze von sich gibt und schließlich einen grellendst grünen Lichtstrahl aussendet, sondern auch Schnuppe gewaltig auf die Fresse fliegt, ist mir klar, dass Holgi, der alte Teufelskerl, tatsächlich dieses Polaritätsdings umgekehrt hat. Er deutet stolz auf seinen Schritt, um mir zu zeigen, dass er dazu Radioaktivität mir ausschließlich aus Erzählungen bekannter Herkunft benutzt hat. Endlich.

...

Ja, das war das Finale.
Das Böse ist besiegt und hinter Gittern, die Maschine lehrbuchgemäß durch einen mehr als originellen Trick zerstört und die Erde damit gerettet.

Fehlt eigentlich nur noch die zünftige Abschlussmontage. Menschen überall auf der Welt, gekrümmt auf dem Gehsteig, in ihren Betten oder denen ihrer Nachbarn liegend, werden von einem grellendst grünen Lichtstrahl getroffen. Überall auf der Welt springen die neu geborenen Superhelden auf, wischen sich den Sabber vom Kinn und probieren ihre neuen Superkräfte aus, werfen spielerische Feuerbälle durch die Gegend, verknoten ihre Nasenhaare mittels Geisteskraft oder bluten eklige Säure. Interessanterweise kann die Maschine nämlich nicht erkennen, wer welche Kraft hatte, so dass sie nach einem Zufallsprinzip neu verteilt werden. Das hat unter anderem den schönen Nebeneffekt, dass wir ab sofort Waffeln ohne mütterliche Fingerabdrücke genießen können und meine Schwester mich nie wieder blenden kann. Stattdessen spritzt sie jetzt blaue Farbe aus ihrem Zeigefinger, was mir beweist, dass jede Medaille zwei Seiten hat und ich nie wieder weiße Hemden kaufen sollte.

Holgi und ich wurden von einem Tag auf den anderen berühmt. Ein sehr interessanter Aspekt der Zivilisation besteht übrigens darin, dass man sich für eine radioaktive Schamgegend nicht schämen muss, sobald man damit erstmal die Welt gerettet hat. Im Gegenteil geht im Moment das Gerücht unter den Frauen rum, dass das sehr angenehm kribbeln soll. Holgis Mutter sorgt allerdings mit der resoluten Entschlossenheit einer keifenden Nudelholzbesitzerin mit neu erlangtem Schlangenblick dafür, dass keine Frau bisher Gelegenheit bekam, dieses Gerücht zu bestätigen.
Und was mich angeht... nun, ich habe mir die Überreste der Maschine unter den Nagel gerissen und sie unter meinem Bett versteckt. Ja, das geht, hab ja nie behauptet, es wäre eine große Maschine gewesen. Vielleicht sollte ich zugunsten des obligatorischen Cliffhangers noch erwähnen, dass dieser grellendst grüne Lichtstrahl mich auch erwischt hat, bevor er auf die weite Welt losgelassen wurde. Ich will nicht zu viel versprechen, aber eben schlug ein kleiner Lichtbogen von meinem Daumen zum Zeigefinger.
Ich glaube, ich sollte die Aufschrift meines Superheldenanzuges ändern.

Abspann.