
Mach keine Bemerkungen über den Haarschnitt des Ninjas, selbst wenn du wirklich neidisch sein solltest, aber lange Haare unter deinem elektrischen Hut leider kacke aussehen - es würde dein Gegenüber nur unnötig verunsichern.
Spiel nicht den Helden und versuche vor allem nicht, dem Ninja ins Gesicht zu spucken - du würdest ihn sowieso nicht treffen und dir höchstens selber auf die Brust sabbern und höchstens einen Zahn mit ausspucken, was absolut nicht in deinem Sinne sein kann.
Mach dir nicht in die Hosen, das ist eklig.
"Wo hast du sie versteckt?", fragt er mich zum mindestens zehnten Mal und zum zehnten Mal wartet er keine Antwort ab, sondern schlägt geradewegs zu. Selbst wenn ich es nicht bereits gewusst hätte, würde ich spätestens jetzt merken, das ihm das hier Spaß macht. Ich mag keine Sadisten. Vor allem keine, die stärker sind als ich.
"Ich habe keine Ahnung, was du meinst." Der Ninja grinst, gibt ihm meine Antwort doch Gelegenheit, nochmal die Schlagfestigkeit meines Unterkiefers zu testen. Hält. Und gleich nochmal. "Ich habe nichts versteckt!"
"Die Nutte hat was anderes gesagt."
"Welche Nutte denn?" Das weiß ich nun wirklich nicht. Was übrigens nicht bedeutet, dass ich auf die andere Frage vielleicht doch eine Antwort hätte, aber diese Frage ist mir auf jeden Fall ne Spur zu hoch.
"Die, mit der du beim Stinkenden Holger warst."
"Ach, du meinst Jacqueline... Das ist doch keine... ich meine, sie ist nur eine..." Da ich den Satz nicht beenden kann, weil im nächsten Moment eine Lawine bestehend aus Fingerknöcheln, roher Gewalt und ziemlich ekligem Hautausschlag meine Schläfe malträtiert, nehme ich an, dass es den Ninja nicht wirklich interessiert, was Jacqueline ist.
"Wo hast du sie versteckt? Und mir ist nebenbei vollkommen egal, ob deine Nutte ne Nutte ist oder eine le
...
Drei Dinge, die du tun kannst, wenn du von einem Vampir gebissen wirst:
Dich deinem Schicksal fügen, einen Sarg beziehen und Orgel spielen lernen.
Wegrennen und hoffen, dass es nur ein versoffener Junkie war.
Zurückbeißen und dem Pisser seine eigene Medizin zu schmecken geben.
Mit dem Letzten kann man hinterher sicher am besten angeben, aber es ist auch eine sichere Fahrkarte in die Hölle. Das Zweite kanns auch nicht sein, denn wer will schon auf einen Junkiebiss hoffen - weiß ja keiner, wo der schon überall gesteckt hat. Also hab ich damals das Erste gemacht.
Allerdings kenne ich das hohe C nur als Fruchtsaft und kann folgerichtig auch nur dann Orgel spielen, wenn man die Definition von "spielen" auf das unrhythmische Einschlagen auf wahllos ausgewählte Tasten ausweitet. Aber das ist okay, denn das erste, was man als Vampir lernt, ist dass alles, was man über Vampire gelernt hat, nichts als Fantasie und Romantik ist.
Genau genommen läuft es so ab: Du spürst einen stechenden Schmerz an deiner Schulter und bevor du dich fragen kannst, warum zum Teufel der Teufel dich ausgewählt hat, rülpst er einmal zufrieden, gibt dir eine Wegbeschreibung und verschwindet in der Dunkelheit. Du begibst dich an den beschriebenen Ort und irgendein alter Kerl mit langen Eckzähnen gibt dir die Hand und sagt dir die Regeln. Eine Regel. Kein Wort über Särge, Knoblauch oder Kruzifixe, nichts zu hören von Sonnenschein, Superkräften oder der Unausweichlichkeit, sich irgendwann in eine bildhübsche Jungfrau zu verlieben. Eine Regel: Mach dich nicht lächerlich.
Von da an verbringst du deine Tage damit, dich nicht lächerlich zu machen, möglichst grimmig auszusehen, wenn dich jemand in der U-Bahn direkt ansieht und einmal im Monat Blut aus dem Hals einer Jungfrau zu schlürfen. Wie alle Klischees, hat natürlich auch das über Vampire zumindest einen wahren Kern. Es müssen natürlich keine Jungfrauen sein, aber erstens sehen die meistens besser aus, als der versiffte Penner unter der Brücke nebenan und zweitens schmeckt ihr Blut einfach besser.
Ich habe übrigens keine Ahnung, ob Jacqueline eine Jungfrau war, als wir uns kennenlernten - und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht - aber auf jeden Fall sah sie besser aus als die meisten Typen unter der Brücke. Und ein wenig besser gerochen hat sie auch.
Wenn man Vampir wird, bedeutet das nicht, dass man sein komplettes Leben ändern muss. Es spricht natürlich nichts dagegen, seine Wohnung zu behalten und weiterhin jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Für mich bedeutete das, mich weiterhin Abend für Abend vor den Stripschuppen von Mighty Ede zu stellen und besoffene Nachtschwärmer nicht reinzulassen, die anstelle den Mädels Kohle in die paillettenbesetzten Unterhosen zu stecken eh nur auf die Tanzfläche gekotzt hätten. Manchmal kam es auch vor, dass eines der Mädels von nem reichen Sack für eine private Show gebucht wurde und Ede einen bulligen Türsteher als Begleitschutz mitgeschickt hat. Und so hab ich Jacqueline kennengelernt.
Aber ich greife vor.
...
Es geschah ein paar Tage nach meiner Verwandlung in einen Blutsauger und damit etwa drei Jahre vor meiner ersten Begegnung mit Jacqueline.
Ich war noch in der Findungsphase und habe gerade versucht, mich selbst mit einem Kruzifix auszutreiben. Mighty Ede hatte gesagt, ich soll mir gefälligst die Eckzähne abfeilen, weil das die Gäste abschreckt. Da das aber eigentlich nur den Effekt hat, dass sie wahnwitzig schnell und beinahe ebenso schmerzhaft wieder nachwachsen, versuchte ich stattdessen, meinen Fluch gleich ganz loszuwerden.
Und während ich an diesem Abend also auf einem alten Indianerfriedhof mit dem Kreuz vor meinem Kopf rumfuchelte und dabei streng okkulte Beschwörungsformeln aus dem Yps-Heft brabbelte, gab es ein bläuliches Flimmern, gefolgt von genau jenem Blitz, der nun einmal erscheint, wenn sich ein Dimensionstor öffnet, und dann stand er vor mir. Zwanzig Zentimeter glänzend geballte Killerroboterhaftigkeit in Dinosaurierform.
"Niedere Lebensform", begann er von unten herauf und schien damit mich zu meinen, "ich bin gekommen, die Welt vor den bösartigen Mächten der Dunkelheit zu retten."
"Ach."
"Ich suche den diesdimensionalen Unterschlupf der Nazininjas."
"Nazi..."
"Ninjas. Korrekt."
"Komm, das hast du doch jetzt erfunden, oder?"
"Inkorrekt. Die Bedrohung durch die multidimensionalen Nazininjas ist eine Tatsache. Die Zerstörung des gesamten Universums steht meiner Berechnung zufolge beinahe unmittelbar bevor. In genau drei Jahren ausgehend von dieser Dimension."
"Klar, von welcher sonst..."
"Darüber kann ich keine Auskunft erteilen."
"War auch rhetorisch. Okay, Kleiner, versuchs mal im Rocking Bitchdick." Natürlich hatte ich keine Ahnung, was zum Geier dieses Ding eigentlich von mir wollte, aber ich dachte mir, die größte Rockerkneipe der Stadt wäre ein guter Ort, an den man einen Metaldino schicken könnte. Hauptsache, erstmal weg von mir.
Etwa zwanzig Minuten später stand er wieder vor mir, immer noch glänzend, aber deutlich blutbeschmierter. Es tropfte ihm aus den Mundwinkeln und von seinen beiden Stahlklauen. Als er das Maul öffnete, um mit seiner metallischen Zunge seine Stahlzähne zu reinigen, entblößte er nicht nur die schärfsten Hauer diesseits des Mississippi, sondern auch ein Stück Rockerlungenflügel, das ich nur deshalb als solches erkannte, weil er es mir hinterher gesagt hat.
"Ich hab keine Nazininjas gefunden", sagte er und schüttelte Blut von seinen Klauen.
"Hast du sie etwa..."
"Ich habe sie tranchiert. Das ist meine Aufgabe. Ich bin ein R.O.B.O.T.E.R.1", buchstabierte er.
"Und das heisst..."
"Roboter Ohne Bestehende Oder Theoretisch Erweiterbare Reue. Eins. Weil ich der erste meiner Art bin. Ich verfüge über die höchstmögliche Effizienz im Zerteilen subversiver Lebewesen, sichergestellt durch die beste in diesem Bereich verfügbare Technologie und eine künstliche Intelligenz, die strukturelle Schwachpunkte zu erkennen in der Lage ist und sie ohne jegliche Zeitverzögerung auf jeweils mehrere Arten ausnutzen kann. Mein Waffenarsenal reicht hierbei von diversen Reißwerkzeugen über Bohrer und Schneidegerät bis hin zu Projektilwaffen, die mit absolut tödlicher Präzision abgefeuert werden können."
"Angenehm. Ich bin ein Vampir... Und... äh, mein Hut ist elektrisch."
...
Drei Jahre später, plusminus ein paar Tage vielleicht, stehe ich also mit Jacqueline und Pinky beim Stinkenden Holger. Der besitzt eine Art Kneipe, deren Angebot aus einer reichhaltigen Mischung aus Schnaps, Fusel und Hochprozentigem besteht und die sich an generell keine Mühe macht, ihre generelle Abgewracktheit zu verbergen. Aber Jacqueline hat darauf bestanden, sich vor ihrem ersten Privatauftritt den Kunden schöntrinken zu wollen und Holgis Laden ist der einzige, den ich kenne.
Pinky sitzt in der Ecke und schlabbert glücklich an seiner Schale Milch. Als ich ihn das erste Mal mit zu Holger genommen habe, hat der "Wirt", und in diesem Fall bestehe ich auf die rhetorischen Anführungszeichen, sich angesichts des kleinen Metalldinos noch fast in die Hosen gemacht - aber inzwischen hat er ihn als zahlenden Kunden akzeptiert. Pinky hat natürlich kein Geld, zeigt aber ein erstaunliches Talent darin, ungeliebte Gäste des Hauses zu verweisen.
"Ist das dein Dino?" Jacqueline nippt an ihrem Whisky, den es vermutlich gebraucht hat, diese Frage zu stellen und dabei das Risiko in Kauf zu nehmen, ihn als Existent anzusehen und damit für wahnsinnig gehalten zu werden.
"Ich glaube, er gehört niemandem. Stand vor drei Jahren auf einmal vor mir und seitdem gebe ich ihm Milch und hoffe, dass er mich nicht frisst."
"Ach so."
"Soll ich nachher eigentlich mit reinkommen, oder reicht draußen vor der Tür?"
"Ich... ich weiß nicht. Ich habe sowas noch nie gemacht."
"Meistens stehe ich vor der Tür. Die Kunden schätzen die Privatsphäre und wollen sich nicht von nem Aufpasser beim Zugucken zugucken lassen. Aber wenn die Dame es wünscht, komme ich natürlich mit rein und passe auf, dass er sie nicht anfasst."
"Dame?" Jacqueline wird rot und lächelt. Vermutlich hat sie schon ewig niemand mehr so genannt. Da ist es dann auch nicht mehr schlimm, dass ich mein Aussehen mit einem Eimer Griespudding teile, den jemand auf einen unförmigen Sack Reis getackert hat. Kann ja nicht jeder Vampir ein hübscher Jüngling mit Waschbrettbauch sein.
"So hat mich schon ewig niemand mehr genannt." Sag ich ja. "Netter Hut übrigens."
"Danke... er ist elektrisch."
Unser kleiner Moment, der übrigens das romantischste Ereignis meines Lebens seit einer gewonnenen Runde Flaschendrehen im Kindergarten nebst Kuss auf Petras Wange ist - abgesehen von diversen Vampirbissen vielleicht, aber wer sowas als romantisch empfindet, sollte sich untersuchen lassen - wird rüde vom Stinkenden Holger unterbrochen. Er legt sein neckisches Haupthaar mit einer handvoll Spucke nach hinten, öffnet die obersten drei Knöpfe seines speckigen Hemdes, womit er einen Urwald samt eigener Klimazone entblößt und sieht diesen Moment scheinbar als wie geschaffen an, der ersten weiblichen Kundin seit Jahrzehnten den Hof zu machen. Auf die romantische Art.
"Welch liebliches Lächeln an solch einem ungemütlichen Abend", liest er von seiner mentalen Karteikarte ab und legt dabei mehr Schnurrigkeit in seine Stimme, als ein durchschnittliches Rudel rolliger Katzen am Valentinstag.
"Danke", sagt sie und ahnt nicht, wie sehr sie Holger damit ermutigt.
"Dürfte ich die Dame vielleicht zu einer unverbindlichen Runde hemmungslosen Analsex einladen?", flirtet Holger charmant.
"Nein, darfst du nicht", fahre ich dazwischen, immerhin ist es heute mein Job, Jacqueline vor solchen Subjekten zu beschützen.
"Also, das ist ja lieb gemeint", eloquiert die Stripperin sich selbst aus der Affäre, "aber Sie sind leider nicht ganz mein Typ."
"Oh." Holger lässt den Kopf sinken. "Ist es die Nase? Es ist immer die Nase. Die ist den Meisten zu dick."
"Nein, nicht die Nase. Es ist... das Geschlecht."
"Hä? Aber das hab ich doch noch gar nicht..."
"Auch wenn ich nie gedacht hätte, das mal zu sagen", nehme ich den Faden nun wieder auf, "aber was sie damit sagen will, ist Folgendes: du bist ein Mann, Mann. Und sie... nun..."
"Genau." Jacqueline nimmt noch einen letzten Schluck Whisky und steht auf. "Können wir gehen? Ich habe einen Job zu erledigen." Und dann stolpert sie.
Drei Dinge, die du auf jeden Fall tun solltest, wenn deine weibliche Schutzbefohlene sich auf die Nase legt und ihr dabei beide Augen aus den Höhlen fallen:
Suche die Augen, putze sie und gib sie ihr zurück.
Spreche sie nicht darauf an, den meisten Untoten ist so etwas peinlich.
Trage ab diesem Moment immer einen Hut und achte auf dein Gehirn.
...
sbische Zombiestripperin!" Ja, an dieser Stelle haben wir angefangen. Stuhl, Lagerhalle, Ninja mit Faust in meinem Kiefer, Robodino unter der Regenrinne. Klar soweit? Und ich habe übrigens immer noch keine Ahnung, was der Kerl eigentlich von mir will.
"Okay, akzeptiert. Kann ich jetzt gehen?", fahre ich also fort.
"Willst du mich verarschen? Sag mir jetzt endlich, wo die Waffe ist!" Endlich ein Anhaltspunkt. Waffen kenne ich jede Menge.
"Ich hab ein Messer im Stiefel. Aber bevor das da jetzt rausholst, muss ich dich warnen. Ich bin seit heute morgen auf den Beinen und die Dinger haben keine Klimaanlage." Ich spüre dieses mir inzwischen ein wenig zu bekannte Gefühl, welches den Zusammenprall einer Ninjafaust mit einer widerlich nässenden Schürfwunde auf der Stirn üblicherweise begleitet. Meiner Stirn.
"Ich rede nicht von einem billigen Messer. Ich rede von der einzigen Waffe, die unseren ehrwürdigen Führer an der Übernahme dieser Dimension hindern kann. Die transdimenionale... äh... hyper... Dings..." Er hat also keine Ahnung und wir endlich was gemeinsam. "Wenn wir diese Waffe in unserer Gewalt haben, kann uns nichts mehr aufhalten!"
"Verstehe."
"Dein Roboter hat sie mitgebracht und dir gegeben. Also, wo hast du sie versteckt?"
"Hör mal", versuche ich, zu schlichten. "Wir drehen uns argumentativ im Kreis. Deine Fragen wiederholen sich und ich hab nicht den geringsten Schimmer..."
Mein Satz wird von einem jähen Geräusch unterbrochen. Ein Geräusch, das ich noch nie zuvor gehört habe, weshalb ich ich auch nicht im Entferntesten darauf gekommen wäre, dass es sich um genau jenes Geräusch handelt, das ein transdimensionaler Killerroboterdino namens Pinky erzeugt, wenn er seine Fesseln durchbeisst.
Ich drehe den Kopf in seine Richtung und bekomme gerade noch mit, wie er sich feuerspuckend und klauenwetzend seinen Weg durch die uns trennenden Nazininjamassen metzelt, dabei auf chirurgischer Ebene eine erstaunlich professionelle Figur abgibt und zu guter Letzt meinem Folterknecht mit einem Happs den Kehlkopf abbeißt.
"Ich dachte, du bist gerostet", begrüße ich ihn, nachdem er meine Fesseln durchgeknabbert hat und ich meinen elektrischen Hut wieder aufgesetzt habe.
"Ich bin ein R.O.B.O.T.E.R.1, ich roste nicht. Ich wollte sie in Sicherheit wiegen."
"Das heisst, du hättest das hier jederzeit abziehen können?"
"Theoretisch ist das korrekt."
"Mit anderen Worten, du hättest jederzeit verhindern können, dass mein Gesicht jetzt tropft?"
"Theoretisch ist das korrekt. Aber ich wollte auf die Erwähnung des Führers warten."
"Also, nochmal: Es wäre kein Problem gewesen, mich zu befreien, bevor..."
"Ich befinde mich seit drei Jahren in dieser Dimension und suche die Nazininjas. Seit drei Jahren. Und jetzt, wo ich ihren Unterschlupf endlich gefunden habe, musste ich sicher sein, dass es sich um die richtigen Ninjas handelt."
"Wieso gefunden?", streite ich zurück. "Du wurdest entführt. Genau wie ich. Detektivisch gesehen, hast du also eigentlich gar nichts gemacht."
"Ich bin Killerroboter. Vor dem Hintergrund ist mein detektivischer Spürsinn in dieser Sache sogar bemerkenswert."
"Du hast also die letzten drei Jahre damit verbracht, auf eine Entführung zu warten?"
"Ich habe mir mehrere Optionen offen gehalten und dies was eine davon, korrekt."
"Ich frag mich wirklich, ob du das jetzt Ernst meinst, oder nur dein Gehirn weggerostet ist. Oder, warte... rosten kannst du ja gar nicht." Ich gebe zu, an diesem Punkt ein wenig laut geworden zu sein.
"Ich würde zur generellen Ruhe raten", ermahnt Pinky mich folgerichtig. "Die Bedrohung durch die Nazininjas ist nach wie vor immanent. Und die Frau immer noch in ihrer Gewalt."
"Ja... ja, du hast Recht. Tut mir Leid. Und jetzt?"
Jetzt geht erstmal der Alarm los. War ja vorauszusehen. Man kann nicht erwarten, in einem Unterschlupf finsterer Welteroberungspisser Amok laufen zu können, ohne dabei bemerkt zu werden.
Während also diverse rote Blinklichter mit diversen schrillen Sirenen darum wetteifern, wer mir zuerst auf die Eier gehen würde, wird unsere eben noch so schön eroberte Lagerhalle von Dutzenden Nazininjas überrannt. Aus allen Ecken kommen sie gelaufen, rennen Türen ein, springen durch Fenster und einige sogar durch das Dach. Sie vollführen halsbrecherische Sprünge, wirbeln mit ihren Waffen in der Luft und schreien die ganze Zeit Dinge wie "Ha!", "Haija!" und "Shoryu-Ken!". Einer lässt es sich sogar nicht nehmen, theatralisch an der Wand hochzulaufen und sich mit einem Salto rückwärts wieder abzustoßen. Ninjas sind halt der Heavy Metal unter den Kampfsportlern. Nichts als ein Haufen arroganter Poser.
Schließlich ist die Halle mit schwarzberobten Ninjas gefüllt, die uns von allen Seiten hasserfüllt ansehen, mit ihren Waffen spielen und erwartungsfroh mit den Füßen scharren.
"Soll ich mich dieses Problems annehmen?"
"Seit wann braucht ein Killerroboter dazu eine Erlaubnis?"
"Korrekt. Starte Tranchiermodus."
...
Drei Dinge, die dir sagen, dass eine Situation, die du bis eben noch im Griff zu haben schienst, irgendwann in ihrem Verlauf doch schrecklich außer Kontrolle geraten ist:
Die nette Blonde, die du eben noch in der Bar abgeschleppt hast, fesselt dich mit plüschigen Handschellen ans Bett und will deinen Sack mit einer Fliegenklatsche bearbeiten.
Der Rucksack auf deinem Rücken ist gar kein Fallschirm, sondern wirklich nur ein Rucksack, der keine Anstalten macht, die drei Kilometer zum Boden angenehmer zu gestalten.
Der bösartige Führer einer Horde diesdimensionaler Nazininjas verpisst sich in seinem Monstertruck Richtung Welteroberung, während du noch dabei bist, die lesbische Stripperin zu befreien.
"So, jetzt müssen wir ihn nur noch einholen", fasse ich die Situation spitzfindig zusammen.
"Und ihn töten", ergänzt Pinky.
"Das ist dein Job. Hast du die Waffe?"
"Welche Waffe?"
"Der Typ, der mich verprügelt hat, meinte, wir hätten die einzige Waffe, die den Führer aufhalten kann. Weißt schon, als du so mit Rosten beschäftigt warst..."
"Du rostest?" Jacqueline reibt sich ihre toten Arme, um das Gefühl der Fesseln loszuwerden. "Ich dachte, du bist ein Killerroboter."
"Frag nicht", sage ich.
"Ich glaube nicht, dass es im Rahmen meiner Missionsparameter liegt, mich für meine Arbeitsweise rechtfertigen zu müssen. Im Übrigen handelt es sich bei dieser Waffe um mich selbst."
"Du bist die Waffe? Aber der Typ meinte, Jacqueline hat gesagt..."
"Er hat mir die Arme abgerissen", rechtfertigte die Zombierin sich. "Und hat gedroht, sie falschrum wieder anzubauen. Wie soll ich mir denn so auf der Bühne den BH vom Körper reißen? In so einer Situation würde eine Frau alles sagen, um da wieder rauszukommen."
"Du hast also gelogen?"
"Woher soll ich denn wissen, was die für eine Waffe suchen? Ich zieh mich aus für Geld, von Technik hab ich keine Ahnung."
"Mit anderen Worten, wenn du denen nicht irgendwelchen Scheiß erzählt hättest, würde mein Gesicht jetzt nicht tropfen?"
"Weiß nicht... vermutlich."
"Oder noch anders: Wenn du einfach gesagt hättest, dass du keine Ahnung hast, wäre das hier nicht passiert?" Ich deute auf die immer noch nässende Schorfigkeit auf meiner Stirn.
"Vermutlich."
"Wenn du nicht untot wärst, würde ich dich jetzt beissen!" Ich ziehe die Krempe meines elektrischen Huts nach unten, um meiner tiefen menschlichen Enttäuschung Ausdruck zu verleihen.
"Der Nazininjaführer befindet sich immer noch auf der Flucht. Wir müssen ihn aufhalten", sagt Pinky und hat damit vollkommen recht. "Soweit ich informiert bin, sind Vampire in der Lage, sich in eine Fledermaus zu verwandeln. Könntest du nicht..."
"Nein."
"Nein? Wenn mir diese Bemerkung gestattet ist, finde ich das enttäuschend. Du kannst nicht im Dunkeln sehen und kannst dich nicht verwandeln. Um was für eine Sorte Vampir handelt es sich bei dir?"
"Um die reale", antworte ich. "Und ich habe einen Plan."
"Nämlich?"
"Ich rufe meinen Vater an."
"Deinen Vater..." Mit der Ungläubigkeit in Pinkys Blick hätte man den Buddhismus abschaffen können. "Diese Vorgehensweise halte ich für unlogisch. Die einzige Person, die uns im Moment eventuell helfen könnte, wäre jemand in der Größenordnung des Präsidenten."
"Lass mich mal machen", antworte ich und wähle.
"Hallo, Sohn", meldet sich der Präsident, wie er es nur bei mir macht.
...
Ach ja, eine Sache hab ich noch vergessen. Bevor es jetzt also zur Verfolgungsjagd kommt, und ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass es gleich eine geben wird, muss ich noch eben eine Sache klären.
Kurze Rückblende. Jacqueline ist gerade aus dem Wagen gestiegen und hat das Haus ihres Kunden betreten. Wir haben uns dann doch dazu entschieden, dass ich mit Pinky vor der Tür warte, während sie ihre private Show abzieht.
"Bauer von C2 nach C3."
"Dame von E8 nach A4. Matt in vier Zügen."
"Nee, jetzt warte mal. Bin ja noch dran... Pferd von... wie kann das Pferd nochmal?" Konnte ich mir nie merken.
"Zwei Felder in eine Richtung und eines im rechten Winkel."
"Ah... okay. Dann Pferd von B1 nach... ähh..."
"Die möglichen Züge wären A3 oder C3."
"Ähh... Hilft mir das?"
"Nein."
"Okay... mal überlegen. Vier Züge, sagst du?" Schach ist an sich ein sehr komplexes Spiel. Zwar gibt es wenige Regeln, aber man braucht einen guten Sinn für Taktik. Wenn man dann zusätzlich gegen einen Roboter spielt, der zwar zum Töten gebaut wurde, aber eben dennoch ein Roboter ist und zudem das Schachbrett nicht wirklich existiert, sondern man es sich nur im Kopf vorstellt, wird es frustrierend. Vor allem, wenn man sich nicht merken kann, wie das Pferd zieht. "Wollen wir lieber Zahlenraten spielen?", frage ich also.
"Die Regeln eine solchen Spiels sind mir nicht vertraut."
"Du denkst dir ne Zahl aus und ich muss raten, welche du..." Naja, und in diesem Moment werden wir entführt. Ein dicker Ninja mit Kapuze schlägt mir mit einer Art Knüppel auf den Kopf, ein weiterer versetzt Pinky einen elektrischen Schlag und ein dritter trägt Jacqueline über seiner Schulter aus dem Schlafzimmer ihres Kunden.
Wenig später komme ich zu mir, sitze auf einer wackelnden Metallpritsche im Laderaum eines Transporters, höre ein leises Stripperinnenwimmern und sehe zwei rote Leuchtpunkte in der Dunkelheit vor mir. Augen.
"Sie haben uns gefangen genommen", stellt Pinky fest.
"Danke. Hast du auch ne Ahnung, warum?"
"Vermutlich haben sie mich erkannt und wollen mich außer Gefecht setzen."
"Hast du zufällig irgendwo in deinem Körper ne Lampe versteckt? Es ist scheiß dunkel hier."
"Ich dachte. Vampire können im Dunkeln sehen."
...
Drei Dinge, die du nicht hören möchtest, wenn du nachts in einem Helikopter sitzt, der von einem Killerroboter gesteuert wird:
Irgendwie riecht es hier verbrannt.
Soll diese Lampe hier blinken?
Ich kann nichts sehen.
In unserem Fall riecht es in der Tat verbrannt, was aber auf meinen Hut zurückzuführen ist, dessen Elektronik anscheinend in unmittelbarer Gegenwart eines Hubschraubers zu leichtem Funkenschlag neigt. Zum Glück war es nur ein einzelner Funke, der jedoch ein winziges Brandloch in der Hutkrempe hinterlassen hat.
Lampen blinken in einem Hubschrauber ständig - aber solange keine roten dabei sind, deren Blinken von einem nervtötenden Summton begleitet wird, mache ich mir darüber keine Sorgen.
Nein, in unserem Fall geht die hauptsächliche Gefahr tatsächlich von der Dunkelheit aus. Ich hatte mir erhofft, von meinem Vater einen stilgerechten Helikopter zu bekommen, mitsamt einem dieser Suchscheinwerfer, die in Filmen immer so schön hektisch über den Boden zittern, aber bekommen haben wir nur einen klapprigen Armeerestbestand, dessen einzige Beleuchtung in in einer flackernden Lampe unter dem Kabinendach besteht.
Es ist aber nicht alles schlecht in dieser Situation. Jacqueline greift in diesem Moment nämlich ängstlich nach meiner Hand und hält sie zitternd an ihre Zombiebrust. Kann ich mit leben.
"Kannst du den Monstertruck sehen?", rufe ich nach vorne.
"Indirekt. Das Fahrzeug selber verfügt anscheinend über keine Beleuchtung, jedoch kann ich der Spur der Verwüstung folgen."
"Ich schätze, das ist was Gutes", nicke ich der Stripperin ermunternd zu.
Und dann entschließt sich das Schicksal, emotionales Pingpong mit uns zu spielen, in dem es uns erst helfend unter die Arme greift, nur um uns im selben Moment mit einem fetten Grinsen in die Eier zu treten. Durch ein Loch in der Wolkendecke hindurch scheint nämlich in diesem Moment der Mond und gibt uns somit die Chance, nun auch zu sehen, wo wir eigentlich hinfliegen. Das ist der Teil mit dem unter die die Arme greifen. Das Eiertreten kommt dann in Form einer Mischung aus Vollmond und der mir bisher unbekannten Werwolfnatur des Nazininjaführers.
Ich blicke aus dem Fenster und sehe den Monstertruck, dessen Fahrerhaus von Innen zu leuchten beginnt, woraufhin der komplette Wagen einfach aufplatzt und der größte Werwolf westlich des Mississippi aus den Trümmern heraus mitten auf die Straße springt.
"Toll. Der Pisser ist also Werwolf. Hätte ich eigentlich riechen müssen."
"Weil Vampire Werwölfe nicht ausstehen können?"
"Weil Werwölfe stinken, wie die Hölle."
"Was machen wir denn jetzt?" Jacqueline sieht mich aus großen Augen fragend an und erinnert mich daran, dass ich genau diese Augen vor Kurzem noch in der Hand gehalten habe.
"Ich bin die einzige Waffe, die ihn stoppen kann", erinnert Pinky von vorne.
"Wie das?"
"Damit." Er präsentiert seinen linken Arm, dessen Klaue zur Seite wegklappt und einer Mündung Platz macht, die stattdessen aus dem Unterarm fährt. "Eine Silberkugel. Direkt in das Gesäß des Werwolfes injiziert, wird sie ihn umbringen."
"Du willst ihm in den Arsch schießen?"
"Das ist die Schwachstelle."
"Ja, dann los."
"Hier oben bin ich dazu außerstande. Die Eigenbewegung unseres Fortbewegungsmittels würde ein Zielen unmöglich machen."
"Dann schießt du halt nochmal. Wo ist das Problem? Der Hintern von dem Kerl ist sicher riesig."
"Ich verfüge lediglich über ein Projektil."
"Willst du mich verarschen?"
"Die Silberpreise meiner Heimatdimension veranlassten meinen Ingenieur zu diesbezüglichen Sparmaßnahmen."
Und so komme ich also zu meinem ersten Crashkurs in Sachen Hubschraubersteuerung. Pinky erklärt mir in Windeseile, welcher Hebel welche Bewegung verursacht und worauf ich achten muss, wenn ich nicht mit den Rotorblättern nach unten landen möchte. Nebenbei weicht er scheinbar mühelos den Autos aus, die der Werwolf von unten nach uns wirft. Multitasking.
"Kannst du nicht einfach selber eben landen und dann zu Fuß..."
"Negativ. Dazu ist keine Zeit mehr", sagt der Roboter, drückt mir den Steuerknüppel in die Hand und springt aus dem Heli.
...
Einem Werwolf beim Platzen zuzusehen, ist kein angenehmer Anblick. Fell, Knochen und Matsch fliegen dabei in weitem Bogen durch die Gegend, landen mit ekligen Platschgeräuschen auf umliegenden Motorhauben, beschmutzen die Fahrbahn und hängen von Straßenlaternen herunter. Ein Stück Auge landet auf meinem elektrischen Hut, was mir beinahe den Abend verdirbt. Warum nur beinahe? Nun...
"Dürfte ich die Dame vielleicht auf eine Runde unverbindlichen Vaginal..."
"Holger, lass es."
"Tut mir Leid. Ist halt die erste weibliche Kundin seit Jahren. Wie wäre es mit einer Fußmassage?"
"Noch ein Wort und ich hetze meinen Dinosaurier auf dich." Würde ich wirklich machen. Ein Wort, es lautet Hopp!, und Pinky würde seine Schüssel Milch stehen lassen, wie ein Zuhälter seine Mädchen auf der Straße und dem "Wirt" an die Gurgel gehen.
Man rettet nicht jeden Tag das Universum mit all seinen Dimensionen vor wildgewordenen Nazininjas und vernichtet dabei den größten Werwolf östlich des Mississippi - und so dachten wir, dass wir das ruhig feiern sollten. Leider kennt niemand von uns eine andere Kneipe, weshalb wir bei Holger gelandet sind. Pinky hat sich übrigens entschieden, noch ein wenig in unserer Dimension zu bleiben. Auch wenn seine Mission vorbei ist, gibt es in seiner Welt keine so gute Milch. Außerdem glaube ich, dass er mich mag.
"Was denn? Man wird ja noch fragen dürfen", schmollt Holger und knöpft sein Hemd wieder zu. Das trägt wesentlich zum Ambiente des Ladens bei, wie ich finde.
"Ich hab dir doch schonmal gesagt, dass sie nicht auf Männer steht."
"Ich habe halt noch keinen kennengelernt, der mich als Dame sieht", surrt Jacqueline. "Vielleicht bin ich da ja flexibel..."
Drei Dinge, die du tun kannst, wenn eine heiße lesbische Zombiestripperin ihre sexuelle Orientierung testen will, indem sie dir ihre Zunge in den Mund rammt:
Sich dem Moment hingeben und sehen, wohin das führt.
Ja, das wars. Manchmal gibt es nur eine Option.